Corvus Corax: Cantus Buranus am 2.9.2010 in den Kaiserthermen in Trier

Bis dato hatte ich Trier in meinem Leben genau zwei Mal besucht, und das auch nur, weil ich es - der Schulpflicht oder anderen Zwängen folgend - musste, zuletzt in den 90ern. Danach war lange Jahre nichts. Dass es eine so schöne, romantische und geschichtsträchtige Stadt wie Trier in meiner entfernteren Umgebung gab war mir völlig entfallen, bis sich die Stadt im Jahre 2000 ganz unerwartet wieder in Erinnerung brachte, weil die Porta Nigra in dem von mir heiß geliebten Computerspiel 'Deus Ex' als Kulisse herhalten musste. Und dann...
...wieder nichts. Es gab für mich keinen wirklichen Grund, Trier heimzusuchen, obwohl dort doch mindestens ein Konplott-Laden lockte... bis Anhur mich fragte, ob ich nicht einen Artikel über Cantus Buranus verfassen wollte, die Corvus-Corax-Interpretation von Teilen der Schriftensammlung Carmina Burana, die am 2. September in den Kaiserthermen in Trier aufgeführt werden sollte. Ich zierte mich  lange, denn in letzter Zeit hatte kaum ein Ensemble Gnade vor meinen Ohren gefunden - ich war einfach nicht in der Stimmung für Konzerte oder Aufführungen gewesen. Aber die Könige der Spielleute zählen zu meinen Lieblings-Live-Combos, und Corvus Corax mit Cantus Buranus in einer so malerischen Kulisse... das konnte ich mir dann doch nicht entgehen lassen.

Dass es sich dabei um ein Freiluftkonzert handelte, kam Anhur gottlob kurz vor Dienstschluss wieder in den Sinn, und so konnte er mir wetterfeste Bekleidung mitbringen :-). Aber wir sollten Glück haben, denn es regnete nur geschätzte drei oder vier Tropfen, nach denen sich uns die Trierer Innenstadt in ihrer ganzen Schönheit im rotgoldenen Licht der Abendsonne darbot. Ein urigerer Ort als die Bühne in den Kaiserthermen hätte für eine Aufführung von Cantus Buranus kaum gefunden werden können: Pflanzen rankten sich wild um römische Mauern, zwischen denen eine erstaunliche Mischung aus mittelalterlich Gewandeten, mittelalten Kulturmenschen, Altrockern, Neuheiden, Gruftis und Leuten in kostspieliger Outdoor-Bekleidung saß, hockte oder wandelte. Sollte ich eine der im Publikum vertretenen Gruppierungen vergessen haben, bitte ich um Vergebung - ich (kurzsichtig) hatte meine Brille zwar dabei, hielt mich aber sklavisch an den Vorsatz, sie nur für die Vorführung selbst aufzusetzen.
Was mich ein wenig verunsicherte, war die kleine Bühne: nach dem Konsum von Cantus-Buranus-Videoaufzeichnungen war mir bewusst, dass für die Aufführung neben den Spielleuten eine ganze Menge Volk benötigt wurde. Die Sopranistin würde mit Sicherheit noch irgendwo Platz finden - wo aber sollte das Orchester mit all den Streichern und Bläsern untergebracht werden? Und wo der Chor? Sollte es sich bei der Aufführung in den Kaiserthermen um eine Schmalspurversion von Cantus Buranus handeln... entweder 'unplugged' oder gar mit Tonband-Unterstützung? Auch Anhur hatte ähnliche Befürchtungen...

Als ich die Brille aufzog, verflogen diese Bedenken sofort. Im Schein der untergehenden Sonne strömten Instrumentalisten und Chorsänger durch den rückwärtigen Bühnenvorhang und zwängten sich in diverse Ritzen zwischen den Instrumenten der 'Raben', die bereits den Großteil der Bühnenfläche einnahmen, während das Intro gesprochen wurde - ganz wie bei einem dieser Versuche, ins Guinness-Buch der Rekorde zu kommen (á la 'wie viele Personen passen in eine Telefonzelle ?'). Dann rückten Corvus Corax höchstpersönlich an ...

... und der Abend ging auf sehr unterhaltsame Weise vorüber. Trotz Mini-Bühne konnten Musikanten, Solistin, Chor und Orchester - elektronisch verstärkt - ihr musikalisches und/oder kompositorisches Talent zeigen. Und ich war positiv überrascht. Im Gegensatz zur Konservenversion von Cantus Buranus (die ich sehr schätze) kamen live ehrliche Schauer bei mir an, und das lag weder am Wetter noch an dem einen oder anderen schief gegangenen Ton. Diese Ehrfurcht stellte sich allerdings nicht bei allen Zuschauern ein. Vielleicht waren es die theatralische Kostüme und Gesten, vielleicht die bösen Texte, vielleicht die Mischung aus orchestralen und mittelalterlichen Klängen. Oder es waren die ungewöhnlichen Instrumente wie Bucinae und Organistrum, die Intensität der drei Schlagwerker, oder auch die Aufforderung der Raben ans Publikum, mitzuklatschen... wie auch immer, die plötzliche Flucht einer Handvoll ZuschauerInnen war vermutlich damit begründet, dass sie auf ein anderes, vielleicht herkömmlicheres kulturelles Ereignis vorbereitet gewesen waren. Der Großteil der bunt gemischten Menge auf den Plastikstühlen und an den Mauern zog es jedoch vor, vorort zu bleiben und wurde so Zeuge eines echten Gänsehaut-Erlebnisses.  Die Opern- und Operettensängerin Ingeborg Schöpf wurde für Ihre 'Puella Rustica' und 'Fortuna' mit Zwischenapplaus belohnt, und das in meinen Augen (und Ohren) völlig zu Recht. Zu den lebhafteren Passagen wurde zuerst verhalten, dann fröhlich mitgetanzt. Zwei Mal wurden die Kostüme gewechselt, zwei Mal wurde die Darstellung auf der Bühne düsterer, und dann war leider schon alles vorbei. Wie bei Konzerten so üblich (und bei Kulturabenden eher unüblich) wurden zwei Zugaben gegeben; danach halfen auch die stehenden Ovationen der Zuschauer nicht mehr.  Dass ich trotzdem nicht enttäuscht sein musste, bewies der Blick auf mein (stumm geschaltetes) Mobiltelefon, denn es war schon reichlich spät, die Aufführung somit wesentlich länger, als sie mir vorgekommen war. Nicht einmal der abschließende Besuch der Dixie-Batterie konnte das Hochgefühl ruinieren, das sich anhand der ordentlichen Leistung der Musiker bei mir eingestellt hatte.

Kurz: Ich habe meine Entscheidung, Anhur doch noch zu diesem Konzert zu begleiten, keinen Augenblick lang bereut. Meine Lust auf Live-Veranstaltungen ist wieder hergestellt... und ich möchte sehr gerne wieder einmal nach Trier :-).

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bs img 7534 Cantus Buranus: Die Interpretation von Stücken aus der Carmina Burana durch Corvus Corax wurden in den Kaiserthemen in Trier in angemessenem Ambiente präsentiert.
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