Amphi 2011: Karlheinz und die Men in Black

Ein Wort im Voraus: beim Besuch des Amphi 2011 war ich todsterbenskrank. Nicht todsterbenskrank wie ‚verkatert’, nein … eher todsterbenskrank wie ‚hypererkältet’. Sollte mein Bericht also zusammenhangslos erscheinen, verweise ich gerne auf medikamentenbedingte Ausfallzeiten ;).


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Samstag

Gemeinschaftlichen Zurechtmachen im Ho(s)telzimmer: Ich kämpfe mich in die geliebten Poleclimber-Stiefel mit den verchromten Kappen. Die Frisurenkreation, die ich zuhause vor dem Spiegel geprobt hatte (Kommentar des Sohnes: ‚Das sieht dumm aus, Mama!’), lässt sich auch hier in wenigen Minuten nachstellen. Kommentar von Susi: „Das sieht … durcheinander aus. So nach Mad Max.“
Da war’s schon wieder.
Muss ich sagen, dass ich die Mad Max-Filme voll doof fand? Muss ich nicht, aber ich tu’s trotzdem. Ja, ich fand die Mad Max-Filme voll doof. Trotzdem kann ich anziehen, was ich will, es sieht eigentlich immer nach Mad Max aus. Bondage? Mad Max. Horrorpunk? Mad Max. Rüschenfummel? Mad Max. Military? Jawoll: Mad Max. Ich erinnere mich nur an einen einzigen Fall, in dem jemand mal nicht ‚Mad Max!’ rief, sondern ‚Waterworld!’. Ich schieb’s jetzt einfach mal auf die Haare.

Später.

Wir holen unsere Bändchen ab und durchschreiten das Tor. Ein bisschen mulmig ist mir schon: mein in Leopardentarnfarben gehaltener Rucksack ist knallvoll mit Medikamenten. Wenn einer da reinguckt, wird er mich unweigerlich für einen Tabletten-Junkie halten! Aber keiner guckt auch nur annähernd in meine Richtung; ich schwöre, beim nächsten Mal exotische Tiere oder Atommüll einzupacken und zu sehen, was passiert.
Während wir den Orientierungsrundlauf beginnen, spielen [X]-RX auf der Hauptbühne. Auf die Distanz erkenne ich schwarz-rote Männchen, die wie Kastenteufel hin- und her springen; das fröhliche Gewummer, das sie produzieren, geht in die Beine, und schon tanzen die ersten Zuschauer. Besonders ein Knabe, der Ähnlichkeit mit den herkömmlichen Jesus-Darstellungen hat, fällt mir auf. Fasziniert beobachte ich ihn, bis die Armatur des nächstgelegenen Trinkwasserhahns wegfliegt. Der Wasserstrahl schubst mich beiseite, meine Klamotten sind bis auf die Unterwäsche durchtränkt! Anhur tupft fluchend seine Kamera trocken, während ich die Jacke mit den Hasenohren auswringe, die ich über den Rucksack geschnallt hatte und die zum Glück den für meine Medikamente bestimmten Wasserschwall absorbiert hat. Als ich mich bücke, um Wassertropfen von den Chromkappen zu wischen, blickt mir eine tropfnasse, verzerrte Fratze entgegen, was mich jetzt aber auch nicht mehr erschreckt.

Tropfend und frierend dackeln wir ins Staatenhaus weiter, um uns Klangstabil anzusehen. Das Staatenhaus kommt mir irgendwie bekannt vor: hieß das nicht mal Rheinparkhalle? Ich lasse mich von Ben darüber aufklären, dass der Name der Rheinparkhallen von der Decke aus Rheinpark-Muschelkalk herrührte. Nachdem die Rheinparkmuscheln 2009 beschlossen hatten, sich das Konzert von Feindflug aus der Nähe anzusehen (ja, ich war dabei!), musste die Halle umbenannt werden. Ich frage mich insgeheim, ob die Materialien zur Herstellung der neuen Decke aus den USA stammen, dann sind Klangstabil auch schon an der Reihe. Was Anhur als ‚Gothic Trip-Hop’ bezeichnet, ist für mich Ambienz mit Sprechgesang und erinnert mich trotz gänzlich anderer Instrumentierung an Ordo Rosarius Equilibrio, aber auch an Access Denied – auf jeden Fall handelt es sich um Gänsehaut-Musik, die mich die Augen schließen und träumen lässt. Als ich die Augen wieder öffne, ist der Traum vorbei: von der Bühne grinst mich das Maurer-Dekolletee des Boris May an, dessen Hose sich während des energischen Lamentierens selbständig zu machen droht. Hätte ich anstelle von Anhur die Kamera in den Fingern gehabt, wüsste ich, was ich fotografiert hätte …
Zutiefst beeindruckt und wieder halbwegs trocken verlassen wir das Staatenhaus; ich setze mich zusammen mit dem Rest der Crew ins Theater, um mir die pornographischen C64-Werke anzuschauen, bis mir einfällt, dass Melotron spielen. Da ich nicht nur auf atmosphärisch, sondern auch auf poppig stehe, nutze ich die Gelegenheit und eile zur Hauptbühne. Während das Wetter immer gruseliger wird, stelle ich fest, dass Andy Krüger singen kann! Ich bin total entzückt …

Keine Ahnung, wo ich zwischen Melotron und Tanzwut gewesen bin oder was ich getan habe. Möglicherweise habe ich an unserem Stammtisch an der Gaffel-Bude gesessen und vor mich hin gedöst. Vielleicht hat es auch geregnet – ich kann mich zumindest daran erinnern, dass ich mich gefragt habe, was ich über den Regen schreiben könnte, während sich die Besucherströme in die Chillout-Zone oder die Einkaufszelte verdrückten und ich auf die leergefegte Flaniermeile starrte. Menschen sprechen mich auf meine Stiefel an, und ich erkläre ihnen, dass die nicht mehr hergestellt werden, man aber vielleicht noch den einen oder anderen Laden finden könne, der sie noch vorrätig hat. Dass mir der rückwärtige Reißverschluss trotz doppelter Socken und Tape mal wieder die Haxe aufgerissen hat, verschweige ich in erster Linie deshalb, weil ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht bemerkt habe. Oder war ich etwa mit den Mädels im Wohnmobil Sekt trinken?

Wie auch immer, zu Tanzwut bin ich wieder einsatzbereit. Das muss ich auch sein, denn die lustigen Berliner sind für mich Pflichtprogramm, vor allem, da mein Mode-Idol Ardor wieder dabei ist. Doch, ganz ehrlich: in meiner persönlichen Style-Hitliste kommt der Herr direkt hinter Snoop Dogg. Natürlich stehen wir so weit hinten, dass ich nicht viel sehen kann, aber wir tanzen kräftig mit. Der Versuch, mit dem neuen Handy über die Köpfe der Menge hinweg Bilder zu machen, scheitert an meiner Handfläche. Vielleicht wäre das Bild eine hübsche Textur geworden, aber ich lösche es trotzdem.
Nach der Anstrengung des heftigen Auf- und Niederhibbelns muss ich mich wieder an den Stammtisch setzen, wo mich für den Rest des Abends niemand mehr wegbekommt. Suicide Commando? Hocico? Würde ich mir zu gerne ansehen, aber erstens befürchte ich, dass das Staatenhaus bumsvoll ist (und ich hasse Gedränge), und zweitens müsste ich dazu aufstehen! Das geht natürlich gar nicht. Da ich mit dem Rücken zum Laufsteg sitze, kann ich nicht einmal spazierengucken, aber die Erkältung hat mich für heute geschafft. Also bleibe ich sitzen, lausche den Klängen der Krupps und gebe mir alle Mühe, die vom letzten Akt des Abends verursachten Geräusche zu ignorieren. Auf CD höre ich Deine Lakaien gerne, wenn’s nicht zu oft ist. Was Live-Auftritte angeht sind sie definitiv nicht meine Lakaien – zwei Konzerte in zehn Jahren reichen mir völlig.

Sonntag

Habe meine eröffnete Haxe inzwischen bemerkt und noch mal abgeklebt. Es nützt nichts: ich kann mich nur noch hinkend fortbewegen. Dafür lasse ich dann die Durcheinander-Frisur im Koffer und trage das im Urlaub zu einem Herbstlaubmix verblasste Haar ordinär zusammengebunden.
Im Andenken an den Trinkwasserbeguss vom Vortag verschüttet ein Hotelmädel heißes Wasser aus der Kaffeemaschine über meinem rechten Arm, vielleicht, damit beide Seiten gleichmäßig wachsen. Jedenfalls bin ich körperlich schon völlig am Ende, als wir am Tanzbrunnen ankommen.

Mein mit Atommüll vollgepackter Rucksack wird an den Toren mal wieder ignoriert. Heute sind wir etwas später dran als am Vortag; als Anhur und ich zum Staatenhaus eilen bzw. hinken, nehmen wir im Vorbeiflug She’s All That mit, deren Electroclash gute Laune macht, auch wenn mich die großväterlichen Gummimasken der Combo ein wenig irritieren.
Wir bekommen gerade noch das Ende der Aufführung von Der Fluch mit, die meines Erachtens live viel besser klingen als aus der Konserve. Eigentlich wollen wir uns aber Ordo Rosarius Equilibrio anschauen; während des Publikumswechsels begibt sich Anhur zum Knipsen in die erste Reihe, ich bleibe in der zweiten Reihe hängen. Auch dort ist das Schlagwerk entsetzlich laut, und wie es sich gehört, liegen meine Ohrenstöpsel in der heimatlichen Nachttischschublade. Von den Videos, die auf der Bühne ablaufen, bekomme ich wenig mit, da ich mal wieder die Augen schließen muss, um mich auf die Musik zu konzentrieren. Gänsehaut! Lediglich ein paar hysterisch kreischende Fans beunruhigen mich.

Nach ORE sind Diorama an der Reihe, die ich mir natürlich auch ansehen muss. Anhur bleibt eisern in der ersten Reihe stehen, aber mir reicht das Fremdkuscheln in der Menge. So verziehe ich mich an den äußeren, hinteren Rand des Publikums. Markus, den ich dort treffe und mit dem ich den Rest des Diorama-Auftritts anschaue, kommentiert meine Stiefel. Ich bestaune mal wieder, wie gut Torben Wendt sein Publikum im Griff hat: jedes Mal, wenn die Menge zu rasen beginnt, erwarte ich, dass sich jemand auf der Bühne nackig macht - dabei steht der Herr nur da und wackelt mit den Fingern. Die Stimmung ist jedenfalls unglaublich gut.
Markus erzählt mir anschließend, dass es an einer Stelle massive Soundprobleme gab; da ich nach ORE auf fast allen Frequenzen taub bin, ist mir das natürlich nicht aufgefallen.


Filmriss.
Ich meine, mal wieder mit den Mädels im Wohnmobil gewesen zu sein, um Sekt zu trinken, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Dafür erinnere ich mich ziemlich genau an einen weiteren Stiefelfetischisten, der mich zu meinen Poleclimbers befragt. Später spiele ich Einkaufsberatung für Carina; obwohl ich selbst eigentlich nichts brauche, komme ich mit einem Paar Katzenohren und einem Rucksack in Form einer Vogelspinne zurück, der mich im Laden so lieb angeguckt hatte und den ich auf den Namen Karlheinz taufe. Mit Katzenohren, Hasenohren, Leorucksack, Zebra-Goggles und Karlheinz könnte man mich beinahe für einen Tierfreund halten. Natürlich einen aus Mad Max, dabei kann’s diesmal kaum an den Haaren liegen.

Agonoize höre ich von meinem Stammtisch aus; das Wetter ist heute gnädiger, ab und an blitzt sogar die Sonne durch die Wolken, aber da ich wie üblich mit dem Rücken zum Laufsteg sitze, bekomme ich wenig von dem mit, was sich hinter mir abspielt. Irgendwann beschließe ich, mir die Chillout-Zone im Staatenhaus anzusehen; dabei nehme ich die letzte Viertelstunde des Auftritts von Das Ich mit, bei dem wir uns im Vorfeld alle gefragt hatten, ob er überhaupt stattfindet. Das tut er, allerdings ohne Stefan Ackermann. Die beiden winzigen Gestalten neben ‚Geistbock’ Bruno Kramm, die ich von meinem entfernten Standort aus auf der Bühne herumfegen sehe, sind mit Begeisterung bei der Sache und entpuppen sich später als Vic Anselmo und der Sänger von The Fair Sex, dessen Name ich nicht kenne.
Während des Auftritts von Feindflug im Staatenhaus hängen ein paar von uns am Strand ab. Zwar höre ich mir die Jungs immer wieder gerne an, aber ich möchte nicht, dass mir die Decke auf den Kopf fällt – dazu bin ich heute nicht in der Stimmung. Also sehe ich stattdessen zu, wie Schamass hübsche Mädels knipst und werde zum X-ten Mal auf meine Stiefel angesprochen. Nach meiner Rückkehr vom Strand fühle ich mich verfolgt; als ich mich umdrehe, erwische ich zwei mir unbekannte Men in Black beim Kraulen von Karlheinz.
Was nun noch bleibt, sind Covenant. Irgendwie treffe ich beinahe unseren gesamten Tross auf dem Weg ins Staatenhaus. Wie es scheint, hat die Decke den Schallwellen von Feindflug standgehalten. Die Halle ist natürlich knallvoll, aber hinter den Treppen gibt es noch Platz, wo wir dann auch parken. Zu den wabernden Klängen des covenantschen Future Pop tanzt ein junges Cyberpärchen Discofox, während ein Jüngling auf der anderen Seite der Treppe die Beine schwingt, als ginge es um sein Leben. Es ist Jesus, dessen Füße nicht einmal in den Pausen zwischen den einzelnen Titeln still stehen! Ich bin fasziniert. Nach einer Uptempo-Version von ‚Call the Ships to Port’ verlassen wir die Halle, um uns ein bis zwei Taxis zu fangen. Schließlich kehren wir mit platten Füßen, aber glücklich ins Ho(s)tel zurück, um den Abend in der Lobby gemütlich ausklingen zu lassen.


PS: Dass ich die Stiefel überhaupt noch ausbekommen habe, grenzt schon fast an ein Wunder. Nur reinkommen werde ich in den nächsten beiden Wochen nicht mehr, so viel ist sicher.