Amphi 2012: Kein Teufel und ein Hammerbär

Samstag

Wir haben Glück. Nicht mit dem Parkplatz in der Hostel-Tiefgarage, nein - der ist so eng wie immer. Aber wenigstens könne wir unser schlauchförmiges Zimmer gleich beziehen, ohne Zwischenstation bei Freunden machen zu müssen. Trotzdem reicht die Zeit nicht aus, um mich so aufzuhübschen, wie ich das will. Bösartige Zungen würden ja jetzt behaupten, das läge an meinem vorgerückten Alter – da braucht man nun mal mehr Spachtelmasse, um die Gräben zu füllen. Ich jedoch schiebe es auf die Medikamente: Mit dreißgseitigem Beipackzettel und fünfhundertfünfzig gelisteten Nebenwirkungen taugen die eigentlich immer als Sündenbock.
Wie auch immer, das Frisieren muss wegen akuter Zeitnot unterbleiben: Aus dem Munde des von Natur aus schönen Anhur quellen im Sekundentakt Wortfetzen wie „Taxi bestellen“,  „warten schon“ und „wollten los“. Um trotzdem nicht so wie immer auszusehen, klemme ich mir in aller Eile ein Paar Katzenohren an den Kopf. Die würde vermutlich nicht jeder mit Crossover-Knickerbockern, schweren New Rocks (leider die einzigen Stiefel, in die meine verstauchten Haxen gerade hineinpassen) und Geek-Shirt kombinieren, aber für einen gesunden Stilbruch bin ich dann doch immer wieder zu haben … und weg, Taxi bestellen, damit Modertier und die anderen, die los wollten, nicht noch länger warten müssen.

Aesthetic Perfection
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Apoptygma Berzerk
5 Bilder
Assemblage 23
8 Bilder
Blutengel
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Combichrist
19 Bilder
Eisbrecher
14 Bilder
Eisenfunk
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Eklipse
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Henke
8 Bilder
Lords of the Lost
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Nachtmahr
5 Bilder
Seabound
8 Bilder
Solar Fake
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Stahlzeit
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The Crüxshadows
10 Bilder
The Other
4 Bilder
The Wars
7 Bilder
TyskeLudder
9 Bilder
 
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An der Bändchenausgabe mache ich mir zum erstenmal Gedanken darüber, wer wohl in diesem Jahr auf dem Amphi-Festival spielen mag: sollte ich es jemals gewusst haben, habe ich es vergessen. Daher beschließe ich, mich zunächst an Anhur zu halten und ihm und seiner Fotoausrüstung einfach brav hinterher zu traben – es macht sich ja auch ganz gut, wenn man mal Bilder hat, die zum Artikel passen …Die Kontrollen funktionieren in diesem Jahr etwas besser als 2011; zumindest Behälter, die keine Fotoausrüstung enthalten, werden geöffnet und inspiziert. Leider habe ich den Schwur vom Vorjahr gebrochen: Statt Atommüll transportiere ich einen Liederzettel aus der Ostermesse, das exotischste Tier in meiner Hochsicherheitstasche mit eingebauter Beleuchtung dürfte die Geldkatze sein. Für die Medikamente interessiert sich trotzdem niemand - die gelten offenbar trotz der fünfhundertfünzig Nebenwirkungen nicht als Waffe. Und so kann ich das Gelände am Tanzbrunnen wie in den Jahren zuvor unbehelligt – wenn auch durchsucht – betreten.

In Anhurs Fahrwasser gleite ich durch die Menge. Das diesige Wetter - angenehme Temperaturen ohne Sonnenschein – macht es mir lichtempfindlicher Kreatur einfacher, die feierwütigen Individuen zu begutachten, die mir entgegenkommen. Die erste Erkenntnis: Wo sich beim vergangenen Amphi-Festival Unmengen zweibeiniger Katzen tummelten, gibt es 2012 anscheinend überhaupt keine. Neko ist out. Als glühende Anhängerin des Dagegen-Prinzips fühle ich mich auf der Stelle pudel- äh, ich meine katzenwohl.
Obwohl The Wars auf der Hauptbühne spielen, bekomme ich nichts davon mit. Erst im Staatenhaus registriere ich wieder Eindrücke, und ich freue mich mächtig, als ich sehe, dass Eisenfunk spielen werden, die ich sehr schätze. Die Bayern enttäuschen mich auch diesmal nicht: die Halle füllt sich innerhalb kürzester Zeit bis an den Rand –  wirklich nicht schlampig für den Opener! Die Cybers hinter mir – ich stehe gleich in der ersten Reihe – packen ihre Knicklichter aus, und dann wird getanzt, was das Zeug hält. Da die Eisenfunk-Bühnenshow trotz Videoeinspielungen nicht ganz so aufregend ist wie die dazugehörigen Beats, drehe ich mich um und schaue den Tänzern zu. Da wird etwas fürs Auge geboten … auch ein Teufelspärchen hat sich unter die Zuschauer gemischt, das - wie ich hinterher aus diversen Medien erfahre – extra aus Israel angereist ist.
Nach dem ersten Act drängen mehr und mehr Leute in die Halle und Anhur verkündet, dass nun Tyske Ludder aufspielen werden und er überhaupt am liebsten in der Halle kampieren möchte.  Spontan zwingt mich meine Platzangst dazu, die Konzerthalle zu verlassen. Nichts gegen Tyske Ludder, die mag ich recht gerne, aber meine beschädigten Fußgelenke wollen nicht mehr stehen. Im Shopping-Teil der Halle treffe ich Christina, die auf der Suche nach Schuhen ist. Wir gucken uns durch deprimierend schöne Klamotten, einzigartige (und einzigartig teure) Korsetts und unglaublich filigrane venezianische Masken – und alle davon würden an mir total scheiße aussehen, von der Belastung für meinen inneren Finanzminister ganz zu schweigen. Ich bin frustriert. Just in diesem Augenblick springt mich eine fellige Mütze an: ein Ungeheuer mit großen Augen und Zähnen, eine clownesk-fröhliche Mischung aus Hammerhai und Braunbär, die zu allem Überfluss auch noch fluoreszierend ist. ‚Kaufen’, schreit mein inneres Kind. ‚Sofort kaufen!’
‚Leck mich’, sagt mein innerer Finanzminister, also verlasse ich die Shopping-Meile unverrichteter Dinge. Das Gefühl des Nichterfülltseins verfliegt schnell, als mich Christina in Sachen Schuhkauf in die Beraterpflicht nimmt. Wir ziehen draußen herum, sie probiert an, ich nicke dazu oder schüttele den Kopf. Dabei sehe ich im Getümmel ein Mädel mit violetten Katzenöhrchen. Also bin ich doch nicht ganz alleine!
Christina findet mehr Schuhe, als sie eigentlich gesucht hatte. Dafür sucht Carina ein Korsett für Sonntag, ohne eins zu finden. Während sie anprobiert und ich Strippen ziehe, denke ich über den Hammerbär nach. Niemand braucht eine solche Mütze. Wirklich niemand. Wann sollte man sie schon tragen?
Später am Gruppentreffpunkt (Gaffelstand) ertappe ich mich dabei, wie ich aktiv der Band zuhöre, die gerade auf der Hauptbühne spielt. Ein Blick ins Programmheft zeigt mir, dass es sich um Mind.In.A.Box handelt, ein Projekt aus Österreich. Ich höre immer heftiger hin, wippe mit dem Fuß zu dem sehr eingängigen Future Pop und vergesse darüber völlig, nach den fast Nackigen zu schauen, die über den Fleischbeschaustreifen in der Nähe flanieren und fotografiert werden wollen. Stattdessen mache ich mir einen Haken ins Heftchen, was soviel bedeutet wie ‚Mind.In.A.Box muss ich mir merken’.
Für Corvus Corax, die direkt im Anschluss spielen und ich immer sehr mochte – ich denke da besonders an die legendäre Cantus Buranus-Aufführung – stehe ich sogar auf. Ich stehe auf, um mir  anzusehen, was sich auf den Bühne abspielt, denn von meinem Sitzplatz aus mag ich gar nicht glauben, dass es sich um die Mittelalterbarden aus Berlin handelt, die da vor sich hinkrächzen. Aber sie sind es tatsächlich, und ich bin enttäuscht. Woran es liegt, dass die Akustik so bescheiden ist, weiß ich nicht. An der Technik? An zu vielen Konzerten oder zu viel Whisky (damit meine ich nicht mich, ich darf ja schließlich nicht)? Wehmütig denke ich an vergangene Auftritte von Corvus Corax zurück … ohne Teufel auf der Bühne fehlt einfach etwas. Da helfen auch die israelischen Teufel nicht, die ich im Publikum vor der Hauptbühne ausmachen kann.
Gerade, als ich an den Stammplatz zurückkehre, erscheint Anhur, der die Staatenhalle nun doch verlassen hat. Er will zu Henke ins Theater, und da will ich mit. Leider sind wir spät dran – alle Sitzplätze sind belegt. Nun sind meine Reactor-Stiefel zwar urgemütlich, aber über eine Stunde stehen und lauschen würden die Füße darin trotzdem nicht mitmachen. Anhur scheint es ähnlich zu gehen. Die ersten -  wie üblich sehr bezaubernd inszenierten - Titel sehen wir uns an; dabei verlassen einige Zuschauer den Saal, die wohl mit etwas anderem gerechnet hatten … nicht mit 1000 kleinen Lichtern, nicht mit einer verschleierten Baletttänzerin, nicht mit den verstörend schönen Texten. Danach lassen wir uns draußen im Foyer am Fuße einer Lichtsäule nieder und beobachten Grufti-Papis, die ihre winzig kleinen Krabbelkinder beschäftigen, während die Muttis drinnen schmachten. Der Sound ist super, und so genießen wir den Rest des Konzerts im Sitzen. Als Henke plötzlich Sonja Kraushofer (L’Ame Immortelle, Persephone, Coma Divine) ankündigt, um mit ihr Bowies ‚Helden’ im Duett zu singen, stürmt Anhur wieder in den Saal, um das Ereignis zu knipsen. Derweil fragt mich ein anderer Fotograf, ob er eins der Kinder ablichten dürfte. Ich bin geschmeichelt, verweise ihn aber an die tatsächlich zuständige Autorität.
Später verschwindet Anhur irgendwann wieder in die Staatenhalle, um sich Nachtmahr ff anzuschauen, aber ich sitze gerade so gemütlich am Stammtisch, also bleibe ich sitzen. Von der Musik, die von der Hauptbühne dringt, bekomme ich nur wenig mit; Gedanken an den Hammerbären vernebeln mein Bewusstsein. In den Musikfetzen meine ich Songs von Eisbrecher zu erkennen. Ein Indiz für die Anwesenheit von Eisbrecher ist, dass deren Fan Petty nicht am Stammtisch weilt. Danach  spielen die Sisters of Mercy, die von vielen meiner anwesenden Freunde früher oft gehört und geliebt wurden. Ich registriere, dass Andrew Eldritch inzwischen wie mein Bruder aussieht, dann stehle ich mich im Getümmel davon, um heimlich einen Einkauf zu tätigen. Als ich schließlich wiederkehre, haben die Sisters ausgesungen. Die meisten meiner Stammtischbrüder und –schwestern sind vom Auftritt ihrer früheren Idole ähnlich enttäuscht wie ich von Corvus Corax. Schwamm drüber – es gibt ja noch einen Sonntag.

Im Hostel lassen wir uns zuerst von einem Wachmann verfolgen, dann treffen wir uns in Modertiers Zimmer mit den anwesenden Freunden, um den Abend gemütlich ausklingen zu lassen.

Sonntag

Die Reactors sind auch im Dauergebrauch gemütlich – sogar bei lädierten Fußgelenken. Gemütlich ist auch die Hammerbärenmütze, mt der ich zuerst Anhur, dann den Rest der Truppe erschrecke. Auf dem Weg ins Foyer begegne ich nur lächelnden Menschen. „Wie süß“, sagt ein schwarz gekleidetes Mädchen und grinst meinen Hammerbären an, der mit neonpinkem Mund zurückgrinst. Wie sich später herausstellt, soll ich ‚wie süß’ heute ziemlich oft zu hören kriegen. Allerdings auch ‚Guck mal, ein Bär’ oder ‚guck mal, ein Pokemon’.

Die Sonne scheint grell, und ich fühle mich so lebendig, dass ich den Stammtisch schon nach kurzer Zeit verlasse, um mir Lord of the Lost anzuschauen. Deren poppiger Goth-Rock gefällt mir so gut, dass ich die ganze Zeit über stehen bleibe; währenddessen frage ich mich, ob der Frontmann nackig und schwarz angemalt ist oder ob er einen öligen glänzenden Catsuit trägt. Ohne Brille habe ich leider keine Chance, das herauszufinden (ich stehe ganz hinten, da ich keine Lust auf das Gewühl in den vorderen Reihen habe) – dafür werde ich mir dann später einfach Anhurs Fotos anschauen.
Zum Auftritt von Solar Fake setze ich mich wieder an den Gaffel-Stammtisch. Als nette Hintergrundmusik ist das, was Zeraphine-Frontmann Sven Friedrich auf der Hauptbühne produziert, gut zu gebrauchen, aber von der Bierbank reißt es mich nicht. Irgendwann muss ich aber aufstehen, denn ich möchte zu The Other, die in der Staatenhalle auftreten. Anhur begleitet mich; da noch ein bisschen Zeit ist, bleiben wir nahe der Hauptbühne stehen, um Aesthetic Perfection zuzuschauen … und Mann, gehen die Amerikaner ab! Melodischer Aggrotech vom Feinsten. Ich bin fasziniert, nicht zuletzt, weil mich die Art, wie der Sänger über die Bühne fegt, sehr an Tim Currys Frank’n’Furter erinnert. Wieder mache ich einen Haken in mein Programmheft. Aber The Other locken, also düse ich (mit leichtem Bedauern) zur Halle. Die ist nicht sonderlich voll – kein Vergleich zu Eisenfunk am Vortag. Ich parke neben einem Typen mit grünem Iro, während  Anhur auf den Graben zusteuert und Rod den Ton testet, indem er wie immer ‚Beth’ von Kiss ansingt. Bis das Konzert beginnt, füllt sich die Halle dann doch noch ein bisschen mehr. Dann wird es laut und finster-bunt. Zu krachendem Horrorpunk wird im Moshpit gepogt; trotz gelegentlicher Soundprobleme sind The Other gut in Form. Ein paar Titel singe ich mit, dann ist die rockige Sause – leider – auch schon wieder vorbei …
Eigentlich will ich mir auch Coppelius ansehen, schließlich tu ich das auf jedem Festival. Ein Coppelius-Shirt besitze ich schließlich auch! Aber meine Füße quälen mich ein wenig, und überhaupt möchte ich gerne ins Freie, um mich von der Sonne bestrahlen zu lassen.  Ich überlege mir, zu gehen, nachdem jeder der vier singenden Jungs – Max, Caspar, Bastille und Lindorf -ein Lied zum Besten gegeben hat. Zu meinem großen Erstaunen ist die Auflage schon direkt nach dem vierten Titel erfüllt, und ich bin frei! Draußen sehe ich jede Menge Katzen auf zwei Beinen. Also ist Neko wohl doch nicht out ...
Aus der Ferne höre ich die Rammstein-Imitatoren Stahlzeit schrammeln. Bis ich am Stammtisch angekommen sind, sind die fertig, und während ich am Stammtisch sitze mit den Beinen baumele, spielen die Crüxshadows auf. Ich steh tatsächlich auf, um zu kontrollieren, ob Rogue noch so aussieht wie früher. Check. Ich kehre zurück zum Stammtisch und lasse mich mit der Musik der Crüxshadows und später der von Mono Inc. berieseln.
Der Einbruch der Dunkelheit bewirkt, dass ich nicht mehr so viel unter meiner Hammerbärenmütze schwitzen muss; Menschenmassen strömen in Richtung der Hauptbühne, um Blutengel zu sehen. Ich sehe sie ehrlich gesagt lieber, als dass ich sie höre,  aber ich bin zu faul, um aufzustehen. Der Sound ist diesmal wieder nicht sehr berauschend – bei Blutengel scheint das Tradition zu haben. Als ich es nicht mehr aushalte, mache ich noch einen Rundgang, und dabei fällt mir auf, dass ich den Inhalt des XtraX-Standes in der Brunnenmitte noch gar nicht bewusst wahrgenommen habe. Ich gehe ’rein, werde vom glatzköpfigen Wächter  mit einem überraschten ‚schöne Mütze’ begrüßt, fege einmal im Kreis herum, entdecke aus dem Augenwinkel heraus ein paar pink glitzernde und mit hohen Metallabsätzen bewehrte New Rock-Stiefel, die versteckt und hoch rabattiert an einem schmucklosen Haken hängen, stelle fest, dass dieses eine, einsame Paar exakt meine Stiefelgröße hat, probiere sie an und erstehe sie.
Am Stammtisch, der inzwischen von And One mehr schlecht als recht beschallt wird, werde ich nach meiner Rückkehr für bescheuert erklärt, was mich strahlen lässt. And One lassen mich leider nicht strahlen: Steve war schon weitaus besser drauf, und der matschige Sound verdirbt mir den musikalischen Spaß vollends. Aber ich nehme es relativ gelassen hin, denn immerhin enthält meine Einkaufstüte etwas Glitzerndes. Gegen depressive Verstimmungen hilft Glitter so gut wie immer – zumindest bei mir …

And One haben an diesem Tag, wie es sich im Nachhinein herausstellt, keins unserer Stammtischmitglieder begeistert. Das ist zwar schade, aber dafür ist das gemütliche Beisammensein im Hostelzimmer nach einer wilden Taxifahrt umso schöner. Wir lachen viel, trinken noch viel mehr und lassen die Höhe- und Tiefpunkte des Festivals Revue passieren.

Mein Fazit: So enttäuschend ich die Headliner auch fand, die 12-Uhr-Acts haben das auf jeden Fall mehr als wett gemacht. Auch am frühen Nachmittag konnte ich zwischen den auf-jedem-Festival-der letzten-Jahre-Vertretenen-und-deshalb-ein-wenig-langweilig-Gewordenen viel Gutes auf den Bühnen entdecken. Aber am Erstaunlichsten fand ich die Entdeckung, dass man Festivalbesucher aus jeglicher Subkultur mit einer einfachen Mütze zum Lächeln bringen kann.

Text: Crowfield