Amphi Festival 2015

Samstag

Durch die neue Location (keine geringere als die Lanxess-Arena) und die Unwetterwarnung wurde der diesjährige Amphi-Samstag für mich zu etwas ganz Besonderem. Doch, ganz ehrlich! Für jemanden, der nicht gerne dort ist, wo sich viele Menschen zusammendrängen, in dem in der Finsternis urzeitliche Ängste aufsteigen und der für das Samstags-Lineup schon von vorneherein nur mildes Interesse aufbringt, für den war der erste Amphi-Tag vergleichbar mit einem F-Jugend-Fußballturnier mit 20 Mannschaften, das wegen Starkregens in einer Halle mit nur zwei Spielfeldern stattfinden muss. Im Finsteren. Kurzum, ich fühlte mich äußerst unwohl, was - zusammen mit den durch den Ausfall der beiden Außenbühnen verursachten Programmänderungen - meine Erinnerung an den Samstag etwas getrübt hat. Ungetrübt ist einzig die Erinnerung an die Gefühle, die die Anmoderationen in der Halle bei mir ausgelöst haben, und daran, dass ich nach Ewigkeiten mal wieder meine Reactor-Boots trage.

Chrom
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Combichrist
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Das Ich
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Diary of Dreams
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Die erste Band, an die ich mich jedenfalls erinnern kann, ist Chrom. Die Halle ist noch überschaubar gefüllt; ich bin begeistert von der Tatsache, dass es Sitzplätze gibt, und lausche dem gefälligen Discofox von meinem Platz rechts von der Bühne. Von dort aus kann ich sogar etwas sehen, obwohl ich kurzsichtiger Vollpfosten meine Brille vergessen habe. Doch auch die Sonnenbrille hat Gläser mit Sehstärke, und viel dunkler kann es in der riesigen Halle sowieso nicht werden, also opfere ich das Restlicht für Tiefenschärfe.

Zu Rabia Sorda wage ich mich dann doch hinab in die Tiefe - erstens sind die Sitze nicht wirklich bequem, zweitens habe ich inzwischen herausgefunden, wo sich der Rest meiner Clique aufhält und drittens wollte ich mir die Mexikaner schon immer mal aus der Nähe anhören. Auf dem Weg nach unten überholt mich ein aufgedrehter Jüngling mit dem lauten Ruf: "Wer braucht schon Sitze?" Als ich mit "Ich" antworte, meint er beinahe entschuldigend: "Das mag schon sein - ich bin aber noch jung, will tanzen und Spaß haben!"
In meinem gesetzteren Alter versuche ich Spaß an der Musik von Rabia Sorda zu haben, ohne zu tanzen, doch beim dritten Titel setzt Langeweile ein. Ich entkomme aus der finsteren Halle in den zwar hellen, aber völlig überbevölkerten 'Ring' drumherum, um mir die Fresständchen anzusehen. Man schiebt einander durch die Gänge. Das Außengelände ist ob der ungünstigen Witterung noch immer verwaist, nur zum Luft holen taugt es.

Als ich wieder zurückkehre, sehe ich auf dem Monitor, auf dem das geänderte Lineup angezeigt wird, dass als nächter Act The Other angepriesen wird. Die standen doch gar nicht auf dem Programm! Sollte jetzt nicht Wesselsky aufspielen? Ich bin angenehm verwirrt und eile zurück in die Halle, um den anderen mitzuteilen, dass gleich meine liebsten Heroen des Horrorpunk auftreten werden. Nach dem 'Wieso?' gefragt, mutmaße ich, dass sie kurzfristig für den möglicherweise plötzlich ausgefallenen Wesselsky eingesprungen sind, weil sie sowieso schon in Köln ansässig sind. Niemand teilt meine Einschätzung, bis ein Moderator kundtut, dass sie kurzfristig für Wesselsky eingesprungen sind, weil sie sowieso schon in Köln ansässig sind. Ich fühle mich bestätigt. Nennt mich Nostradamus.
Die Halle fühlt sich immer mehr, doch für The Other zwänge ich mich sogar vor bis in die zweite Reihe, immerhin kann ich viele ihrer Songs mitsingen! Zumindest vor der Bühne ist die Akustik gut, weiter hinten ist das wohl nicht der Fall. Die kölsche Horrortruppe spielt sich quer durch ihre Alben, Aufblas-Augen werden geworfen und ein Pogo-Pit entsteht; zwar finde ich ein bisschen schade, dass 'Hier kommt die Dunkelheit' im Set fehlt, aber mal ganz ehrlich ... dass es dunkel ist, ist offensichtlich.

Als nächstes stehen The Crüxshadows an. Die alten Knochen wollen wieder sitzen, die seitlichen Reihen sind inzwischen ziemlich voll, so dass ich mich genau gegenüber der Bühne hinter dem Met-Stand platziere, wo noch reichlich Luft ist und ich mich nicht bedrängt fühlen muss. Man würde von hier aus sogar ganz gut sehen, wenn man ein Opernglas dabei hätte. Mit der Sonnenbrille werden die Ameisen auf der Bühne zwar schärfer, aber nicht größer, und ich frage mich, wieso man nicht auf der Leinwand hinter der Bühne oder auf dem Würfel über dem Publikum projizieren kann, was da vorne abgeht ... Irgendwann wird mir das Auf-Ameisen-starren zu anstrengend und ich zücke mein Smartphone, um zu daddeln, während ich mich von der Musik der Crüxshadows berieseln lasse, die ich eigentlich schätze. Rogue macht auch alles richtig. Was ich nicht so sehr schätze, sind die durchgängig falschen Töne, die aus der Sängerin kommen, aber irgendwann ist es auch damit vorbei.

Als nächster Act stehen [X-RX] auf dem Programm, doch zuerst wird moderiert. Soll heißen, jemand steht auf der Bühne und quasselt, und damit meine ich nicht den Wettermann, der immer wieder knapp, informativ und sympathisch vorträgt, was Sache ist. Es ist beengt, es ist dunkel und ich bin gereizt ...
Als ich kurz davor bin, quer durch die Halle zu springen und mich auf die Bühne zu stürzen, dürfen [X-RX] endlich spielen. Gerade noch mal gut gegangen. Und die Jungs brennen ein Rave-Feuerwerk ab, das sich gewaschen hat. Das ist Party! Wieder mit der Welt versöhnt wette ich, dass der Jüngling von der Treppe jetzt tanzenderweise Spaß hat.

DAF spare ich mir anschließend, da ich hungrig bin und sehen will, was es im Non-Food-Bereich alles zu kaufen gibt. Außerdem besitze ich eine Schallplatte von DAF (ja, so'n Ding aus Vinyl. Ich hasse Vinyl).
Ich kaufe nichts, weil mir nichts gefällt. Erwähnte ich schon, dass ich gereizt bin? Im Finsteren mit einer Menschemenge  eingepfercht zu sein macht mich aggressiv. Ich schwöre, dass dies mein letztes Amphi war und wünsche mich aufs 'Noch ein Bier Fest', das in Gelsenkirchen trotz Sturm stattfindet, alternativ in die Star Wars-Ausstellung.
In der Backstube treffe ich einen Teil der Homies; wir stehen am Tresen, schauen durch das Schaufenster nach draußen und bewerten die im leichten Regen Vorübreeilenden unter Zuhilfenahme von Notenzetteln. Einige der Opfer finden es spaßig, andere sind nicht sehr amüsiert, aber zumindest meine Laune steigt wieder - das Festival-Feeling kommt zurück.

Als ich zu The Birthday Massacre wieder in die Halle komme, habe ich mit Hilfe meiner Freunde das Geheimnis der 7. Reihe aufgedeckt: In luftiger Höhe (und in absoluter, totaler Schwärze) gibt es weitere zugängliche Sitzreihen ... und dort ist fast niemand. Nur die Homies und ich. Auf der finsteren Bühne weit unter uns turnen Mikroben, dazu dringen gefällige Soundbretter an mein gereiztes Ohr. Ich versuche, mich bequem hinzusetzen, was nicht funktioniert. Also lehne ich mich erst ans seitliche Geländer, dann strecke ich die Beine aus. Die Musik wummert angenehm im Hintergrund. Und was geschieht mit Menschen meines Alters, wenn es dunkel und gemütlich ist? Richtig, sie schlafen ein. Pünktlich zum Ende des Birthday Massacre-Sets wache ich wieder auf.
Anhur und ich beschließen, ins Hotel aufzubrechen, bevor Agonoize aufspielen. Andere halten das für einen Fehler. Sie folgen uns kurz, nachdem der Agonoize-Auftritt begonnen hat.

Sonntag

Sonne! Und plötzlich ist alles wieder gut. Die Amphi-Außenbühnen sind jetzt offen, die Stände sind befüllt, auf der Wiese werfen die Teenies ihre Klamotten ab und einige der Acts, die am Vortag nicht spielen konnten, spielen dafür heute.
Wir treffen rechtzeitig ein, um die Patenbrigade:Wolff zu sehen, die ich wirklich liebe. Vielleicht liegt es am Wetter, vielleicht habe ich ausgeschlafen, aber ich amüsiere mich königlich. Bei der Patenbrigade ist alles korrekt: Ihre Musik verbreitet gute Laune, das junge Gemüse vor mir tanzt wie besessen, und auf der Leinwand hinter der Bühne wird auch für Blindfische angezeigt, was auf Bühne und/oder im Publikum gerade so abgeht. Von mir aus dürften die Berliner den ganzen Tag über auf der Hauptbühne stehen, aber leider, leider ist nach einer guten halben Stunde alles vorbei.
Na ja, wenigstens scheint die Sonne noch immer!

Anhur und ich wandeln zur Green Stage, wo Diorama spielen. Mit Gras und Luft und Freßbuden und Bierständen kommt sofort Festivalfeeling auf, auch wenn ich ein bisschen verwundert bin, dass man die Jungs (beinahe) nicht sieht: schwarze Klamotten vor schwarzem Bühnenhintergrund. Ob man sich der Stimmung in der Halle anpassen wollte? ;) Torben  demonstriert jedenfalls wieder einmal, wieso Diorama einer meiner Lieblings-Liveacts sind: Er hat das Publikum sicher im Griff, bei aller Melancholie der Musik blitzt immer wieder seine Auftrittsfreude durch - und als er gegen Ende des Sets heiser ist, singt er ungerührt weiter. Und klingt dabei wie Rob Dougan. Anhur und ich schmelzen beide dahin.

Alles Geschmolzene erstarrt jedoch vor Schreck, als wenig später Pokémon Reaktor mit ihrem Elektropunk-Akt die Bühne stürmen. Die Jungs und Mädels haben zwar sichtlich gute Laune und schrammeln, was das Zeug hält, aber aufgrund der Vor-Musikanten ist mir das jetzt zu grob; ich wünsche mir Diorama und die Patenbrigade zurück.  Drei Stücke später fliehe ich.

The Creepshow spielen auf der kleinen Orbit Stage; im Vorübergehen nehmen wir einen Teil ihres nachgeholten Auftritts mit. Kenda hat eine großartige Stimme und die Jungs rocken ganz schön. Zwar würde ich gerne ein wenig zuhören, aber zum Stehen bleiben ist es mir an der kleinen Bühne zu eng - das mag ich nicht so.

Die nächste Band, denen Anhur und ich unsere Aufwartung machen, ist S.P.O.C.K.  Anhur besteht darauf, dass wir den Synthpop der Schweden schon früher gehört haben (bei 27 Jahren Bandalter durchaus möglich), aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Auch nicht, nachdem sie die ersten drei Songs gespielt haben. Was mich erstaunt, ist, dass man die Jungs trotz ihrer weißen Klamotten auf der Bühne fast nicht sieht. Die Dunkelheit der Lanxess-Arena muss magisch sein. 

Sonja Kraushofer und Band performen auf der Orbit Stage, als es mich wieder ins Freie drängt. Ich nehme ein paar ihrer Chansons bei  meinem Spaziergang über das Gelände mit, aber sie kontrastieren eigentümlich mit dem herrlichen Wetter und passen überhaupt nicht zu meiner Stimmung.  Diesmal finde ich (o Wunder) sogar Non-Food-Angebote, die mich zum Kauf animieren. Karlheinz - mein Amphi-erprobter Rucksack in Form einer brünetten Vogelspinne - animiert derweil Amphibesucherinnen zum Kauf. Gleich drei Mädels möchten wissen, woher ich den Karlheinz habe, aber den Laden, in dem ich ihn einst (auch auf einem Amphi-Festival) käuflich erworben habe, gibt es inzwischen nicht mehr, und der Nachfolger-Laden hat zumindest in der Markthalle keine Karlheinze im Angebot.

Die Green Stage zieht mich an, obwohl es wieder ein wenig zu tröpfeln beginnt. Qntal performen in gewohnter Güte, der Sound ist auch draußen im Freien grandios.

Als nächste stehen die Aggrotechies von Combichrist auf meiner Tanzkarte. In der mystischen Dunkelheit der Halle haben sich jede Menge gestiefelter Glatzenträger angesammelt, die nun gebannt auf die Bühne starren, wo die Norweger zu einem stark gitarrenlastigen Set mal im blauen, mal im roten Licht musizieren. An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern, außer, dass es mich zur Einkaufsmeile ins Freie zieht, dann trotz Welle:Erdball (so gar nicht mein Ding) zur Green Stage.

Gras geht immer. Die riesigen Gummiballons von W:E, mit denen das definitiv Spaß habende Publikum spielt, wandern sogar bis zum Metstand am äußersten Ende der Grünfläche, vor dem ich auf Anhur warte.

Weiter geht's zu Oomph!. Nachdem ich die Anmoderation überlebt habe, schüttele ich mich mit Petty zur Musik (tanzen kann ich nun einmal nicht).  Auch halte ich mein frisch erworbenes rosa Einhorn hoch, damit es auf die Bühne sehen kann. Ich selbst sehe nichts, trotz Sonnenbrille.
Draußen soll es regnen.

Nach Oomph! ruhe ich mich auf einer Palette am Desperadosstand vor dem Bühnenflächeneingang aus und spiele mit meinem Einhorn. Eine Horde Briten lässt sich auf den übrigen Paletten nieder. Ich nehme an, dass sie gekommen sind, um The Mission zu sehen, die jetzt in der Halle spielen und deren Sound draußen trotz alledem noch gut klingt, aber sie bleiben ehern sitzen.  Zuerst möchte ein Mädel von mir wissen, wo Diary of Dreams spielen werden; die Angabe 'Green Stage' entsetzt sie, und ich nehme an, dass es draußen noch immer regnet. Dann fragt mich eine weitere britische Lady, was für ein Tier Karlheinz denn nun sei, und ob es sich bei ihm um Disney-Merchandise handele. Ich bin versucht, mit 'Libellenlarve' und 'Selbstredend' zu antworten, sage dann aber doch lieber die Wahrheit.

Es regnet schon lange nicht mehr, als ich zu Diary of Dreams rüberschlendere, wo ich mich mit Anhur beim Metstand verabredet habe. Ich bin ziemlich erstaunt, dass ich selbst aus der Entfernung erkennen kann, was auf der Bühne passiert, denn jetzt - im abendlichen Zwielicht - und hier draußen stimmt die Beleuchtung. Der Rasenplatz ist dicht gefüllt, andächtig lauschen die Amphi-Gänger Adrians Gesang. Ich spüre meine Beine nicht mehr - die Rache der Reaktoren. Erwähnte ich schon, dass die pro Fuß 1,5 Kilogramm auf die Waage bringen?
Gemütlich lassen wir den Abend mit Diary of Dreams ausklingen. Der Ruf des Hotels (und der unweigerlich folgenden Hotelparty) ist jedenfalls lauter als der von VNV Nation

Fazit

Habe ich schon erwähnt, dass mich der Sonntag wieder mit dem Amphi-Festival versöhnt hat? Nicht jeder Organisator wäre dazu imstande gewesen, die logistische Leistung zu erbringen, die durch das nervige Sturmtief erforderlich wurde. Dafür ein herzliches Dankeschön an die Veranstalter! Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung in einer tollen Location.

Das Negative: Geschlossene Außenbühnen am Samstag - jedes Jahr die gleichen Bands - finstere Hallen- und Bühnenbeleuchtung - Lanxess-Arena weniger familiär als Tanzbrunnen-Areal - manche Anmoderationen *seufz*
Das Positive: Ausreichend Sitzplätze in der Halle - super Akustik vor jeder Bühne - akzeptable Lebensmittelpreise - ca. 2 saubere Toiletten pro Kopf - geschmeidige Umorganisation im Sturmchaos

Artikel: Crowfield

Fotos: Anhur

Nicole Schuhmacher
  • Autor: Nicole Schuhmacher