Tanzritual Festival 2016

Ursprünglich hatte ich das Tanzritual-Festival auslassen wollen, doch dann entschloss sich der Sohn dazu, sein erstes Festival zu besuchen. Bedingung: Die Mama geht auch mit. So kam es, dass ich an einem glühend heißen Samstag ab kurz nach 11 Uhr dann doch auf dem Festivalgelände im Redener Erlebnispark zu finden war, und ich blieb tatsächlich fast bis zum (gar nicht so bitteren) Ende am Sonntag.…

Tag 1

Meine Eindrücke: Klein, aber fein. Sich auf dem Festivalgelände zu verlaufen war unmöglich, so dass ich mir in dieser Hinsicht schon mal keine Gedanken um den Nachwuchs machen musste;– auch waren alle Freunde schnell entdeckt und versammelt. Die sommerliche Biergartenatmosphäre trug außerdem dazu bei, dass schnell neue Bekanntschaften geschlossen wurden. So erfuhr ich, dass einige Besucher nicht aus dem näheren Umfeld kamen - ein schöner Erfolg für die Orga, würde ich mal meinen.
Die Verpflegung war preislich im Rahmen und gegen die Qualität hatte ich auch nichts einzuwenden. Ob die Besatzung der Crepesbude allerdings gedacht hätte, dass sich der Frozen Cappucino zum Verkaufsschlager entwickeln würde?

Dr. Geek and the Freakshow
7 Bilder
Chemical Sweet Kid
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Pokemon Reactor
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Das Ich
12 Bilder
 
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Trinkwasser war umsonst - bei Temperaturen von bis zu 36° Celsius ein Segen. Auch sorgte sich die Security rührend um das physische Wohlbefinden der Besucher („"Sie haben ein ganz rotes Gesicht, Sie müssen etwas trinken!“"). Vermutlich hatte das Rote Kreuz deshalb so wenig zu tun. Das habe ich sonst noch nirgends erlebt!
Meiner Ansicht nach hat die Orga hier Großes vollbracht, und so hoffe ich, dass dieses nicht das letzte Tanzritual –- Festival gewesen ist.
Nun zur Musik.

Das Tanzritual wurde von den lokalen Heroen Dr. Geek and the Freakshow eröffnet, die die Gelegenheit nutzten, um ihr neues Album zu präsentieren. Auch wenn um die frühe Uhrzeit noch nicht allzu viele Besucher anwesend waren, gaben die Horrorpunker alles (sehr zur Freude von Lola, die ein Riesenfan von ihnen ist) und wurden auch fleißig beklatscht.
Nächster Act waren Chemical Sweet Kid aus Frankreich, deren Dark Electro recht laut, verstörend und dennoch tanzbar daherkam. Ein edler Wasserschlauchträger sorgte dafür, dass die Fläche vor der Bühne gewässert wurde, und auch der eine oder andere trockene Besucher kam in den Genuss einer (verlangten) Abkühlung.
Die erste Band des Tages, die es verstand, meinen musikalisch eigentlich völlig anders ausgerichteten Sprössling zu begeistern, war Pokémon Reaktor. Obwohl durch Krankheit und verschiedene andere Missgeschicke dezimiert, produzierte die Spaßcombo außer schrägem EBM-Crossover auch noch jede Menge guter Laune - – Glitzerkonfetti und aufblasbare Bananen inbegriffen. Mein Sohn wagte sich sogar in die Nähe der Tanzenden. Unglaublich.

Parade Ground aus Belgien wurden als „Schwesterprojekt von Front 242“ angekündigt ... man muss die Beschreibung aber um aber „"melodischeres (...…)"“ ergänzen. Dass die Herren schon länger im Geschäft sind, war sowohl zu sehen als auch zu hören. Eine perfekte Gelegenheit, um die Halle mit den Ständchen zu besuchen (der Sohn hätte sich zu gerne ein ledernes Drachenei angeeignet, war aber nicht bereit, dafür sein Taschengeld auf den Tisch zu legen) und T-Shirts zu erwerben (da musste der Nachwuchs dann doch nicht mit leeren Händen zurückkehren).
NamNamBulu waren mir bis zum Tanzritual-Festival kein Begriff, und ich hätte mir auch nicht vorgestellt, dass eine Band mit einem solchen Namen Future Pop herstellt -– sehr harmonischen und ohrenfreundlichen noch dazu. Das Chillen auf den Bierbänken bot sich dazu geradezu an, Erinnerungen an Depeche Mode kamen hoch.
Als Das Ich am frühen Abend die Bühne erklomm, zog es auch meinen neonfarbigen Nachwuchs wieder nach vorne, aber Bruno Kramm und Stefan Ackermann waren ihm nicht ganz geheuer. Ich hielt es ein wenig länger aus und lauschte den Klassikern überwiegend im Stehen.
In der Umbaupause war die Ponyklau-Modenschau angesagt. Sämtliche Fotografen aus meinem näheren Umfeld waren dort und hielten drauf, was das Zeug hielt. Danach pilgerten wir gemeinsam zu Diary of Dreams, bei denen selbst das Aufwärmen großartig klang. Auch der Rest des Auftritts war handwerklich perfekt, und da die Sonne inzwischen untergegangen war, wurden die Temperaturen erträglich. Eine schöne Gelegenheit, den Abend bei melancholischem Wave-Pop ausklingen zu lassen.

Tag 2

Die Aufwärmer G.O.D.T. verpassten wir leider, da sich der Sohn spontan nach dem Frühstück dafür entschied, bei der Gluthitze lieber das Schwimmbad aufzusuchen als das Tanzritual... ein Festival-Tag hatte ihm für den Anfang genügt. Aber für Intent:Outtake waren wir Übrigen wieder am Start. Sowohl Anhur als auch ich schätzten schon Bastians Septron-Projekt sehr, und von I:O wurden wir nicht enttäuscht. Sogar der gewohnte Patronen-Wirbelsäulen-Mikrofonständer war dabei!…
Das aktuelle Album geht musikalisch in Richtung Diary of Dreams, stimmungsmäßig ein guter Anschluss an den Vorabend.
Die Veteranen von Kontrast, die im Anschluss spielten, überraschten mich. Zwar ist ihr minimal Elektro/Pop so gar nicht mein Ding – die vergleichbaren Produkte von z.B.  Welle:Erdball ziehen mir regelmäßig das Hemd in den Hintern - , aber die Damen und Herren von Kontrast kamen extrem sympathisch und lustig 'rüber, so dass ich mir ihre Darbietung bis zum witzigen Ende ansehen musste.
Die musikalisch von mir geschätzten Krawallbrüder von [x]-rx hingegen verdienten sich an diesem Sonntag nur wenige Sympathiepunkte. Die Dimension des Festivals und die Tatsache, dass der Großteil des Publikums bei den extremen Temperaturen lieber im Schatten sitzen als Tanzen wollte, verleitete die Jungs auf der Bühne zu diversen angepissten Kommentaren. Dabei hatten sich doch sogar zwei Cybers eingefunden…! Eigentlich hatte ich ja nach vorne gehen und ein bisschen mithoppeln wollen, aber der Animationsspruch mit der „"Biergartenscheiße"“ veranlasste mich (und nicht nur mich alleine) dazu, wie angewachsen im „"Biergarten"“ sitzen zu bleiben und die restliche Darbietung der Kölner aus sicherer Entfernung zu ignorieren. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wann es anfing, zu regnen (denn das tat es irgendwann), aber es hätte zu[x]-rx gepasst.
Der gediegene Aggropop von [:sitd:] wirkte nach den Uptempo-Nummern von [x]-rx doch ein wenig chillig und eignete sich somit hervorragend als Begleitmusik zum Essenfassen.
Dann aber -… dann spielte der Lord of the Lost mit seiner Kapelle auf, und endlich fand ich musikalische Erfüllung. Ein bisschen Goth Rock, ein bisschen Metal ...… die deutsche Antwort auf die Deathstars und Marilyn Manson war dran schuld, dass ich am nächsten Tag Muskelkater im Genick hatte. Titel wie „"Everybody"“ und „"Bomba"“ versprühten dermaßen viel gute (dunkle) Laune, dass sogar EBM-Freak Tigger meinte, er werde vielleicht noch zum Metalhead. Also: Haare auf und schütteln, was das Zeug hält!
Sara Noxx – wiederum - die deutsche Antwort auf Anne Clark - ließ den Sonntagabend mit Video-Installationen und einem hervorragenden Live-Bassisten ruhig und handwerklich perfekt ausklingen. Anhur war glücklich und bedauerte bloß, dass wir nicht bis ganz zum Ende bleiben konnten.

Fazit

Trotz der extremen Witterungsbedingungen und anfänglich zögerlich eintrudelnden Zuschauern war das Tanzritual-Festival 2016 ein äußerst gelungenes Spektakel. Sowohl musikalisch als auch organisatorisch war alles stimmig. Hut ab! Größere Festivals könnten sich hiervon eine Scheibe abschneiden.

Text: Crowfield

Fotos: Anhur

Nicole Schuhmacher
  • Autor: Nicole Schuhmacher