Die Apokalyptischen Reiter - Die Welt ist tief

Am 05.10.2014 besuchten die Apokalyptischen Reiter die Garage Saarbrücken.

Im Vorprogramm hatten die Reiter die Vorboten und Tanzwut mit nach Saarbrücken gebracht, so dass für einen abwechslungsreichen Abend mitten in der Woche alles bereit war.

Gegen 18:30 Uhr treffe ich mit Anhur in der Garage ein. Nach einem fröhlichen "Hallo" entspinnt sich eine kleine rhetorische Kabbelei zwischen den acht anwesenden Fotografen. Diese endet mit einem literarischen Zitat aus Shakespeares Macbeth  "When shall we meet again?" ....
Als erste der beiden Vorgruppen treten "Die Vorboten" auf.

Die Vorboten
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Tanzwut
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Die Apokalyptischen Reiter
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Die Vorboten

Die Vorboten sind eine deutsche Band, die 2009 in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern gegründet wurde. Ihre Musik bezeichnen sie selbst als Kraut-Metall. Drei Jahre nach Ihrer Gründung lieferte die Band  mit "EXISTENZ" “das Album des Jahres im Neue-Deutsche-Härte- Sektor” (Powermetal.de). Beim vom Sänger selbst gesprochenen Intro zu "Existenz" fällt mir die schlimmste Situation in einen "Haggard" Konzert ein: Intro vom Band und Buhen im Publikum. Allerdings war bei den ersten gesungenen Tönen der peinliche Moment sofort vergessen.  
Hier klingt das Intro nicht ganz so perfekt, dafür erzeugt es, live gesungen, vor allem in den vorderen Reihen, direkt gute Stimmung und es folgt "Revolution".
Der Sänger der "Vorboten" Karsten Palitschka charakterisiert sich besonders durch fast rezitativen Gesang in den Strophen, die sich mit sehr melodiösen Refrains abwechseln.

Zu "Monotonie" gibt es passende rote Shirts. Alle sollen mitzählen. Jan, ein Gast, wird quasi Zeremonienmeister und feuert die Menge an. Es folgt "Menschenfresser" und im Anschluss eine Piano-Einlage des Keyboarders. So entsteht gute Stimmung im Publikum. Fröhlich geht es weiter und bei "Hetzkampagne" zeigt man ein einschlägiges Tagesblättchen, welches feierlich zerrissen wird.

Für mich erstmalige live Gitarrenriffs mit Keyboard. "Alpha Beta Omega - schöne neue Welt" - die Texte sind sehr anspruchsvoll und laufen daher auf der Leinwand im Hintergrund mit. Das finden nicht alle Gäste gut. "So werden die keinen Erfolg haben", wird intoniert. Aber andere singen die Lieder bereits textsicher mit. Mein Eindruck: erstaunlich viel Resonanz beim ersten Mal in einer neuen Stadt und viel Interaktion, die Spaß macht.

"Lasst uns Schmieden" bringt ein gehorsam stöhnendes Publikum und ein weiteres Votum aus dem Publikum. "Geile Band - Super gut gemacht" - ein junges Mädchen vergibt spontan eine zwei als Schulnote. Aber auch ein Teil der Älteren zeigt sich von den fünf Jungs beeindruckt, Note 3+, also steigerungsfähig. Begeisterung haben bei den Kennern vor allem die Sonderedition CDs ausgelöst, von denen nur die CD im Glasblock noch zu haben ist. Und man berichtet mir, dass die Jungs hier umsonst spielen und die Unterbringung durch Fans und Bekannte im Saarland erfolgt. Man darf gespannt sein, was diesen jungen Menschen noch einfällt.

Tanzwut

Tanzwut folgt nach der üblichen Umbauphase. Das 1999 gegründete Septett gehört zu den Pionieren in Sachen Verschmelzung von mittelalterlichen Instrumenten und Rock’n’Roll: Dudelsäcke, Schalmeien, E-Gitarren und Elektronik. "Tanzwut" sind eine Partyband. Und absolute Profis. Und sie garantieren schweißtreibende Shows und kochende Säle.  
Die Band ist hier gut bekannt und mit "Jetzt oder nie" steigt die Stimmung merklich, während der Teufel seinen Gesang anstimmt. Das Publikum mehrt sich zusehends und routiniert nimmt das Konzert seinen Verlauf. Auf "Ihr wolltet Spaß" folgt "Wir sind wie das Meer". Dann "Zauberspruch" aus Merseburger Landen quasi anstelle von Viagra für die anwesenden Männer.
Der Teufel erzählt gekonnt Anekdoten zwischen den Liedern, so auch von dem Gerücht, welches umgehe, dass Tanzwut 2015 am 13ten Februar eine neue CD herausbringt namens "Freitag der 13te". Wir sind gespannt ...

Die Texte der neuen Lieder wie "Gerücht" kennt das Publikum allerdings nicht und daher sinkt die Stimmung merklich, um dann bei Liedern wie "Bitte bitte lass mich Dein Sklave sein" sofort wieder anzusteigen. "Rückgratreißer" ist wieder unbekannt und lässt die Menge darob fast kalt- es gibt fast keine Tanzbewegungen und die Stimmung ist am Tiefpunkt angelangt.

Die Band war lange nicht hier und ist trotzdem hier wie "überall zu Hause" und bringt mit "Heimatlos" die Stimmung ad hoc wieder zum Kochen. Und so ist beim Schlusslied "Es ist alles vorbei" die gesangliche Unterstützung durch das Publikum der Band sicher.

"Tanzwut" verabschiedet sich routiniert mit der Zugabe "Hymnus Zerberus" und einem optischen Leckerbissen in Form eines beleuchteten Bandlogos.Die Zackenkrone erstrahlt in rotem Licht und mit begeistertem Applaus entlassen wir die Band.

In der Umbauphase erklingt immer wieder fordernder "Reitermania" Gesang und in der inzwischen gefüllten Halle steigt die Stimmung weiter.

Die Apokalyptischen Reiter,

die ehemals mit "Melodic Death Metal" begannen, haben mit dem Doppelalbum "Tief/Tiefer" 2014 ihr ganzes Können unter Beweis gestellt. Trotz der Kritik die teilweise geübt wurde ("Gefallsüchtig" - nuclearblast.de oder "überfrachtete Vielfalt, die gedrosselte Härte" und "Zeilen wie direkt aus den deutschen Charts adaptiert" so metal.de) liegt hier unbestritten ein Werk vor, welches die Bandbreite des Könnens der Band zeigt. Das Ganze ist eine Symbiose aus allen Platten der letzten 19 Jahre. Die "Reiter" selbst wurden hierzu wie folgt zitiert: „Falls wir je einem Genre angehört haben, so sind dessen Barrieren endgültig überwunden“, sowie „Stillstand, Stagnation und Regeln langweilen uns. Alles ist in Bewegung. Die Welt. Das Leben. Die Gedanken“,und “Es ist pure Magie. Unfassbar und fast unwirklich. Obwohl wir schon so lange zusammen Musik machen, schaffen wir es immer wieder, uns selbst zu begeistern und zu überraschen. Unser Reichtum ist die Freude.“

Nun ja, sehr selbstbewusst, aber auch sehr passend wie ich meine.
Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an das was kommen wird, wenn auch teils sehr unterschiedlich, denn neben den absoluten Metalfans gibt es auch die Gruppe der Fans, welche besonders die leisen Töne des Albums "Ins Licht" und die teils mittelalterlichen Klänge von "Tiefer" favorisieren.
Endlich um 20:45 Uhr betreten die Reiter die Bühne und Daniel „Fuchs“ Täumel erscheint zum Intro "Hier herrscht keine Freiheit" in Uniform. Die Menge jubelt, tanzt und klatscht zu diesem furiosen Auftakt. Weiter geht es mit "Revolution" und der Metallsound sorgt für wilde Stimmung.

Ich befinde mich mitten in der Menge, um möglichst einen Gesamteindruck zu erlangen, und damit kurz darauf zu meinem Entsetzen erstmals auch im Moshpit. Mein Versuch nach links zum Rande zu gelangen wird jäh durch ein von links gegen mich prallendes Wesen geblockt und der zweite Aufprall von hinten lässt mich nach vorne taumeln. Schon sehe ich mich zu Boden gehen, als mich links und rechts die Arme von zwei jungen Metallern stützen und mich auf den Beinen halten. Ich fühle mich gut und entdecke zwischen den hüpfenden Fans eine sich öffnende Schneise zum Absperrgitter vor dem Fotograben: und hurra, ich schaffe es mit zwei langen Schritten, ungestört, den Weg zur Absperrung zum Fotograben zu überbrücken. Fröhlich grinse ich die Fotografen an und sehe nun das Konzert aus der ersten Reihe.

Mit dem wilden Sound und Zeilen wie "Wir sind der Wahrheit jüngstes Kind", "Das Glück ist eine Hure" trifft das Konzert die Erwartung der Metall-Fans, die immer wieder wild springen.
Kleine Anekdote wie z. B. von einer Flasche Whiskey oder der Hinweis auf zwei Fans, die den Reitern schon die ganze Tour lang hinterher reisen, heizen die Stimmung immer weiter an. Mir graust vor dem Moment wenn mir ein Moshwilliger ins Kreuz springt und mich gegen das starre Absperrgitter wirft.
In den kurzen Übergangspausen zwischen den Liedern wird ständig "Reitermania" als Sprechgesang angestimmt, was "Fuchs" mit einem charmanten Grinsen und ein paar Sekunden Pause quittiert.

"Da wo es Dich gibt" wird gefolgt von einem Schlagzeugsolo als Intro zu "Hört auf“ ... Gute Stimmung, stampfende Füße und lauter Gesang … Bei "Friede sei mit Dir" übertönt das über weite Strecken textsichere Publikum die Band. "Es wird schlimmer als es ist "- wildes Pogen und Hüpfen. Ein brennendes Keyboard beleuchtet stimmungsvoll die Bühne. Und da geschieht es - eine Person landet in meinem Kreuz. Weich und harmlos, ein Mädchen. Der Gedanke, ich sollte hier verschwinden, setzt sich in meinem Kopf fast. Das Publikum der Metallshirt-Träger aller Altersklassen ist immer noch fit und agil bei "Ebbe und Flut", "Seemannsbrot". Der Haus- und Hof- Fotograf weigert sich, in ein Schlauchboot zu steigen, welches die Fans über Ihre Köpfe hinweg durch den Saal wandern lassen sollen. Dafür wirft sich ein bekannter Fan hinein und wird gefeiert. "Der Tor, der zu oft Liebe schwor": poetische Zeilen und doch wilder Sound im Konzert. Die Fans durften für Lieder im Vorfeld voten und so kamen auch ganz alte Songs wie "unter der Asche" ins Konzert.

Mit den Worten „Und jetzt bewegt euch“ teilt "der Fuchs" die Menge, und trotz der Raserei der letzten Stunde geben die Fans noch einmal alles in einem nicht enden wollenden "Wall of Death" ...  „der Fuchs“ selber ist nach diesem fulminanten Song völlig atemlos. Ein lang gezogenes Intro zu "Rausch" gibt ihm die Chance Luft zu holen. Nach dem Lied verlässt die Band die Bühne und ich entferne mich aus der Gefahrenzone.

Seltsam wenig Applaus erschallt, vielleicht doch ein Zeichen von Ermüdung als Folge des enthusiastischen Tanzens und Springens? Und doch erscheinen die "Reiter" noch einmal und spielen einen leichten, mit Flötentönen durchwirkten, schnellen und stimmungsvollen neuen Song und den erstplatzierten Song aus dem Fan-Votum.
Alles in Allem ein großartiges Metall-Feuerwerk, welches mit ein paar sanften Klängen kokettierte, wenn auch nicht vergleichbar mit dem Kontrastprogramm auf dem letzten Doppelalbum "Tief/Tiefer". Einziger Wermutstropfen: Wer eine einzigartige Kostümshow im Stile früherer Zeiten erwartete, wurde enttäuscht, denn es gab nur ein Kostüm- die Uniform am Anfang.

Text: Baghira

Fotos: Anhur

Anhur
  • Autor: Anhur