Lacrimosa: Revolution 2012

Nach gefühlten Jahren den Bühnenabstinenz tourten Lacrimosa wieder durch die Lande und besuchten Saarbrücken. In der Garage boten die ihren Fans das pure Lacrimosa vergnügen. Auf eine Vorband verzichtete man und spielte lieber zwei Blöcke, die die ganze Bandgeschichte widerspiegelten.

 

Zunächst einmal ist da diese gigantische Discokugel, die das Auditorium mit tanzenden bunten Lichtfleckchen füllt. Und das ist auch beinahe schon alles, was die Garage an diesem Abend füllen soll.
Nun gut, zugegeben: Das ist stark übertrieben. Da wären noch Sauerstoff, Schweißgeruch und gediegen kleine Grüppchen von Zuschauern zu finden, die sich in der großen Halle verteilen. Aber für einen Act dieser Größenordnung ist die Garage an diesem Abend sehr schwach besetzt - bis zum Start des mit drei Stunden angesetzten Konzerts von Lacrimosa verläuft sich das Publikum im großzügigen Raum. Dabei sind Tilo Wolffs Lacrimosa eine der drei standhaften Säulen der Neuen Deutschen Todeskunst. Oder sollte dieser kalte, regnerische Herbstabend gerade nicht die geeignete Kulisse für Lieder von Weltschmerz und Isolation sein?

Als die sechs ‚Tränenreichen’ gegen 20:00 Uhr das in grünes, blaues und violettes Licht getauchte Podium betreten, ballt sich doch noch eine stattliche und erstaunlich heterogene Gruppe vor der Bühne zusammen: Da ist der elegante junge Schmerzensmann ebenso zu finden wie die dralle Nymphe im eng geschnürten Korsett, da steht der nietenverzierte Metaller einträchtig neben der Gothic-Hime, da wartet der P&P-Rollenspieler der ersten Stunde Schulter an Schulter mit der punkigen Hexe darauf, dass sich endlich etwas tut.

Und es tut sich etwas: Tilo Wolff in gewohnter Romantik-Tracht eröffnet den Abend mit dem ‚brennenden Kometen’. Ob er sich damit einen Gefallen getan hat, einen der größten Hits der Band gleicht zu Beginn zu bringen? Schließlich reicht die Setliste, so Tilo, für drei Stunden, weswegen Lacrimosa auf Vorgruppe und Special Guests verzichten. Kann man so viel Lacrimosa vertragen? Der Abend ist noch lang, und die Stimmung sollte sich steigern …

…aber meine Bedenken sind unbegründet. Höhepunkt folgt auf Höhepunkt, und mir wird wieder bewusst, wie viele großartige Titel es im Repertoire dieser Band gibt.
Einen Vorteil hat es, dass die Garage nicht brechend voll ist: dadurch gelingt es mir, mir einen der gemütlichen Sitze neben der Theke zu sichern, von dem aus ich beste Sicht auf die Bühne habe. Wie so oft ärgere ich mich darüber, dass ich meine Brille nicht mitgenommen habe, aber der eingebaute Weichzeichner, den Kurzsichtigkeit so mit sich bringt, verleiht der Bühneshow eine zusätzliche mystische Komponente. Tilos Hände stehen nie still: sei es an den Saiten seiner Gitarre, am Piano oder auch dann, wenn er nichts in den flirrenden Fingern hält.

Kurz vor der Pause, die das Konzert in zwei Hälften gliedert, laufen mit ‚Alles Lüge’ und ‚Allein zu zweit’ weitere grandiose Hits, bei denen es mich kaum in den Polstern hält. Allerdings darf auch Anne Nurmi zwei Titel ganz alleine singen, damit der Frontmann seine Stimme ein wenig erholen kann. Ich bin keine Freundin weiblichen Falsettgesangs, und die zweite Stimme von Lacrimosa konnte mich bisher noch auf keiner CD überzeugen. In der Garage, in der die Musik so laut aus den Boxen dröhnt, dass meine Oberschenkelknochen vibrieren, grenzen Tonlage und eigenwillige Melodieführung hart an Körperverletzung. Auch Anhur sinkt erschöpft in einen Sessel in meiner Nähe. Es ist bloß gut, dass die Pause naht.

Meine Kuschelpolster verlasse ich während der gesamten Unterbrechung nicht. Stattdessen starre ich auf die blitzende Discokugel, die so groß ist, dass sie unser Gästeklosett vollständig ausfüllen würde. Leider dauert die Erholungspause, in der Tilo Wolff Autogramme gibt und generell zum Anfassen und Befragen zur Verfügung steht, so lang, dass schon abzusehen ist, dass wir nicht bis zum Ende des Konzerts bleiben können: unsere Parkgelegenheit wird wohl vorher ihre Tore schließen.
Aber wir müssen nicht traurig sein – bis wir die Garage verlassen, laufen noch einige große Lieder, darunter ‚Heute verlasse ich dein Herz’.
Ich singe noch auf dem Nachhauseweg. Der vorgeschädigte Anhur wünscht sich Ohrenstöpsel.

Text: Crowfield

 

Bilder von Anhur

Nicole Schuhmacher
  • Autor: Nicole Schuhmacher