The Last Tour - Saarlandhalle

„Was? Sabaton in der Saarlandhalle? Kriegen die die Halle denn voll?“ Das war mein erster Gedanke, als mir Anhur gestand, dass das Last-Stand-Tourkonzert nicht in der Garage stattfinden würde.

Soviel vorneweg: Ja, sie kriegen. Man hatte zwar noch Luft zum Singen und Platz zum Hüpfen, aber die Fläche war voll, besonders schön zu sehen bei … aber dazu später.

Fangen wir einfach vorne an: Nachhause kommen, Werkzeug in die Ecke schleudern, noch ein Angstpipi machen, und schon sitzen Anhur und ich mit Fotoausrüstung im Auto. Er hatte wenigstens Zeit, sich fein zu machen (was für ein Sabaton-Konzert mindestens Stadttarnhosen bedeutet), aber ich muss in den Klamotten zur Saarlandhalle aufbrechen, in denen ich gearbeitet habe. Wenigstens war ich morgens geistesgegenwärtig genug, mein Combat Sam-Shirt anzuziehen. Der Gedanke zählt.

Wir liegen wunderbar in der Zeit, kommen trotz Fremdpanne gut durch den abendlichen Autobahnverkehr – aber dann kriege ich einen Pfeil ins Knie. Wir verfahren uns. Warum? Weil wir es können. Und weil ich vor vierzehn Jahren zuletzt in der Saarlandhalle war. Und weil Anhur zu stolz ist, um das Navi zu benutzen.

Trotz alledem bekommen wir noch einen hübschen Parkplatz auf dem Saarlandhallengelände: Viele Autofahrer haben aus der festen Überzeugung heraus, oben sei schon alles voll, präventiv an der Straße geparkt. Die Kutten tragenden Menschenmassen, die vor dem Eingang gesittet auf den Einlass warten, machen mir zunächst einmal Angst, aber die Organisation ist großartig, um nicht zu sagen ‚smooth‘ –  wir sind schnell drinnen und streifen durch die Gänge der Saarlandhalle. Aus unerfindlichen Gründen geht mir ein Helloween-Song im Kopf herum.
Ich kann ein paar Kinder im herumwuselnden Publikum ausmachen, aber der Großteil der Anwesenden dürfte genau wie Anhur und ich knapp unter Hundert sein. Bei der Heroes-Tour 2015 war das anders, aber da spielten ja auch nicht die großen ACCEPT im Vorprogramm.

Apropos Vorprogramm…

Twilight Force
13 Bilder
Accept
22 Bilder
Sabaton
11 Bilder
 
Zeige Alben 1 bis 3 von 3
 

Die schwedischen Powermetaller Twilight Force geben den Aufwärmer. Während sie noch am Aufbauen sind, entspinnt sich folgender Dialog:

Anhur: „Kennst du die?“
Ich: „Hab mir mal ein Video von ihnen angesehen.“
Anhur: „Und?“
Ich: „Ist zwar schon eine Weile her, aber ich glaube, ich musste lachen.“
Anhur (verbirgt mehr schlecht als recht seine Erschütterung): „Oh.“
Ich: „Sieh’s positiv. Wenigstens musste ich nicht weinen.“

 

Die Band kommt auf die Bühne, und sofort kommt LARP-Feeling auf: da sind Menschen in Umhängen, Menschen mit Schwertern, ein Magier mit glühendem Zauberstab, ein McNinja, ein elfischer McNinja mit langen, spitzen Ohren. Fasching is coming. Ich erinnere mich wieder, warum ich so lachen musste.

Dann beginnen die Jungs, zu spielen – und sie lassen es richtig krachen. Okay, an meinem Standort schräg neben der Bühne kommt nur ein recht harter Soundbrei an, aber es ist zu erahnen, dass der singende Mann im Umhang sein Handwerk bestens beherrscht – und jetzt wird mir auch klar, wieso mir vorhin Helloween im Kopf herumspukten. Auch wenn einschlägige Medien gerne Einflüsse von Hammerfall und Rhapsody (of Fire – daran werde ich mich nie gewöhnen) postulieren, fühle ich mich totaaaal an Helloween und die frühen Blind Guardian erinnert. Auch wenn der Sound in meiner Ecke nicht wirklich gut ankommt, aber Twilight Force zuzusehen macht Spaß!

Als nächste sind Accept dran … ja, genau, die xte Iteration der ‚Gay-Metal‘ (erinnert sich noch jemand an die Geschichte?)-Heroen aus Solingen, die seit 2009 wieder am Start sind. Als alter Accept-Fan ist Anhur besonders gespannt.
Er wird nicht enttäuscht; die älteren Herren rocken und bangen, was das Zeug hält. Sänger Mark gemahnt mich eher an AC/DC als an Udo Dirkschneider, und obwohl der Sound in meiner Ecke noch immer diffus ist (und taub bin ich auch schon, denn meine Ohrenstöpsel sind wie immer auf Betriebsausflug in einer anderen Tasche), erkenne ich die Klassiker: ‚London Leather Boys‘, ‚Princess of the Dawn‘, ‚Balls to the Walls‘, das unvermeidliche ‚Metal Heart‘. Dem jungen Security-Mann in meiner Nähe fällt es sichtlich schwer, die Fassung zu bewahren, als beim Intro von ‚Fast as a Shark‘ Volksfeststimmung aufkommt. Das Publikum singt Heidi-heido-heida, die Laune steigt. Fasching is coming. Anhur strahlt. Er lässt sich sogar zum leichten Kopfschütteln bewegen … von oben nach unten natürlich, nicht von links nach rechts. Oder heißt das Kopfnicken?

Wie auch immer, Anhur ist selig und gibt sich der müßigen Überlegung hin, welche Band ihm im Endeffekt besser gefallen haben wird – Accept oder Sabaton? Twilight Force sind zu diesem Zeitpunkt schon vergessen. Ich sehe unserem Haus-und-Hof-Fotografen an, dass er seine Antwort schon jetzt kennt.
Ich kenne meine auch. Habe ich die letzten drei Tage im Auto Texte von Accept-Songs geübt? Nein, habe ich nicht, denn ich war vollauf mit dem Einsingen von ‚The Last Stand‘ beschäftigt.

2015 dauerte die Umbaupause eeeeewig. 2017 geht das alles ratz-fatz: Die üblichen behelmten Jungs hoppeln zwischen Sichtschutzvorhängen herum, es gibt ‚Noch ein Bier‘-Rufe aus dem Publikum, das gleich darauf ‚Swedish pagans‘ anstimmt, das “In the Army now“-Vorspiel beginnt – dann sind Sabaton auch schon da oben, mitsamt ihrer panzerförmigen Schießbude, Videoinstallation und Pyrotechnik … alles ein bisschen größer als früher.

Ich habe mir die Setliste der Vorkonzerte absichtlich nicht beigebunden, weil ich geraten (und gewettet) hatte, dass ‚Sparta‘ der erste Song sein würde. Wette verloren. Zu Panzervideos und ins Publikum strahlenden Flakscheinwerfern wird ‚Ghost Division‘ geboten – eine Uptempo-Nummer gleich zu Anfang. Ob das gutgehen kann?
Es geht gut. Die (etwas jüngeren bis mittelalten) Sabaton-Schlachtenbummler und die (mittelalten bis etwas älteren) Accept-Fans freuen sich gleichermaßen. Der neue Gitarrist Tommy wird vorgestellt. Tommy macht Faxen. Die Noch-ein-Bier-Tortur für Sänger Joakim beginnt früh, was ihn nicht davon abhält, gutgelaunt mit dem Publikum zu plaudern. Ich schau jetzt doch ganz schnell nach der Setliste.

Der nächste Song ist ‚Sparta‘. Das war knapp… so knapp wie die Spartaner bekleidet sind, die zum Dschingis Khan-esken ‚huh hah‘ aufmarschieren: Helme, Schilde Speere, Windeln, sonst nix. Joakim trägt Leonidas‘ Helm. Fasching is coming.

‚Blood of Bannockburn‘ folgt, das ich persönlich nicht so sehr mag (zu Dur, zu aufgedreht, zu AOR, zu Hammondorgel), aber dann geht es gleich mit der Stadion-Wikingerhymne ‚Swedish Pagans‘ weiter. Die alten Knie machen das Hüpfen nicht mehr mit, und komplett durchweicht bin ich jetzt auch schon. Dann folgt der Song, auf den ich mich schon seit Tagen gefreut habe: das titelgebende ‚Last Stand‘, das ich dank vorausgegangenem Training komplett mitsingen kann. Taub war ich schon vorher, nach ‚The Last Stand‘ bin ich auch heiser.

Es folgen ein Bier, ‚Carolus Rex‘, ‚Union‘ von der ‚Art of War‘, das bombastische ‚Lost Battalion‘, und dann endlich - als großer, kathartischer Moment – ‚Noch ein Bier‘ a.k.a. ‚Gott mit uns‘. Alle Bandmitglieder singen Parts, Tommy jodelt wie einstweilen Meat Loaf, ich ignoriere meine Knie und springe wieder auf und nieder. Ein Blick auf Anhur sagt mir, dass er von Accept träumt. Es geht kurz metallisch weiter mit ‚Lion from the North‘, dann amüsiert sich Sabatons Frontmann solo mit einem Keyboard und Van Halen’s ‚Jump‘, bevor Tommy die Tasten übernimmt und Joakim eine balladeske Version von ‚The Final Solution‘ anstimmt. Das klingt so ähnlich, als sänge Hanns Hartz über den Terror von Auschwitz. Mit Feuerzeugen und Handydisplays wird im Saal dem Thema angemessene Melancholie erzeugt, und jetzt, wo die Kamera in die Halle hält, kann man auf der Videoleinwand sehen, wie voll es tatsächlich geworden ist … an einem herkömmlichen Mittwochabend.

Die Melancholie hält nicht lange vor. ‚Resist und Bite‘ ist eine meiner Lieblingsnummern vom ‚Heroes‘-Album, und auch den netten Herren neben mir geht der von ‚Thunderstruck‘ inspirierte Titel gut ab. Wir hopsen gemeinsam. Anhur fragt mich, wann ‚Primo Victoria‘ kommt – ich habe ihm vorhin verraten, dass es am Vortag in Frankfurt die erste Zugabe war, und ich habe den Verdacht, dass er zum Auto möchte, bevor nach Konzertende der Massenexodus erfolgt. Da ich nur auf Anfang und Ende der Setliste geschaut habe, weiß ich nicht, an welcher Stelle des Konzerts wir uns befinden, aber ich mache Anhur unmissverständlich klar, dass ich nicht gehen werde, bevor die Flügelhusaren angekommen sind.
‚Night Witches‘ ist als nächstes an der Reihe. Der Auftakt dazu hat mich auf dem falschen Fuß erwischt, da er doch etwas anders daherkommt als in der Albumversion. Hopsend und schwitzend singe ich mit …

…THEN THE WINGED HUSSARS ARRIVE. Im Publikum werden polnische Fahnen geschwungen, es wird gecrowdsurft, ich krächze den Text mit, denn Singen ist nicht mehr.

Nach diesem Höhepunkt: Finsternis. Traurige ‚Noch ein Bier‘-Rufe. Mir wird bewusst, dass das das Ende war – zumindest für Anhur und mich, denn nun können nur noch die Zugaben kommen, und wie verabredet fliehen wir zum Parkplatz. Ich krähe/singe den ganzen Weg bis nachhause. Anhur wünscht sich vermutlich, taub zu sein.

FAZIT:

Die Flügelhusaren waren da. Alles ist gut.

Text: Crowfield

Fotos: Anhur

Nicole Schuhmacher
  • Autor: Nicole Schuhmacher