Setzte man mich auf einer einsamen Insel aus und gestatte mir, nur zehn Musikscheiben mitzunehmen, dann befände sich „The Crimson Idol“ von W.A.S.P. auf jeden Fall mit im spärlichen Reisegepäck. Klare Sache! Auf dem kreativen Zenit seines Schaffens angekommen, ließ Mastermind Blackie Lawless 1992 das zu Recht sowohl von Fans als auch Presse amtlich abgefeierte Konzeptalbum, welches ein Stück Metal-Geschichte schreiben sollte, auf die Menschheit los. Die tragisch endende, fiktive Story um Jonathan Aaron Steel, ein als Kind vom Vater misshandelter, aufstrebenden Rockstar, wurde von W.A.S.P. musikalisch perfekt umgesetzt. Ein Vierteljahrhundert hat das hartmetallische Meisterwerk mittlerweile auf dem Buckel und anlässlich des 25. Geburtstages sollte dessen Aufbereitung im Rahmen der „Re-Idolized Welttour“ stattfinden, wobei W.A.S.P. ankündigten, das komplette Albums plus ein paar weitere Klassiker der Bandhistorie live zum Besten geben zu wollen. Lechzend, sabbernd und voll der großartigen Erwartungen brachen Anhur  und meine Wenigkeit am 16.11.2017 gemeinsam ins Horn und stießen auf, um in der Garage einzufallen. Wobei, das stimmt nicht ganz. Anhur hatte sich besser unter Kontrolle. Er hielt dicht und sabberte so gut wie gar nicht. Bewundernswert, diese Selbstbeherrschung...

Rain
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W.A.S.P.
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Als würdiger Anheizer mischten zunächst RAIN die sehr gut besuchte, aber nicht übervolle Garage auf. Zwar erfanden auch die Italiener das musikalische Rad nicht neu, geil war es trotzdem. Ursprünglich bereits seit 1980 unterwegs, wenn auch mit im Laufe der Zeit mehreren Besetzungswechseln, überzeugte man als „alter Hasen“ mit ungebrochen ausgeprägter Spielfreude. Die Südländer hatten definitiv Spaß in den Backen, Bock zu zocken und sie traten spielerisch amtlich ins Gesäß. Nach intensiven, wenn auch zu kurzen 30 Minuten blieb eine stimmungsmäßig gut angewärmte, glückliche und überwiegend überzeugte Zuschauerschaft zurück, die dem Auftritt des Headliners entgegenfieberte.

Setliste Rain

  • Love In The Back
  • Kite ‘N‘ Roll
  • Hellfire
  • Bang Bus
  • Intro: Spacepirates
  • We Don’t Call The Cops
  • Black Ford Rising
  • Outro: The Gate

Trotz bemerkenswert raschem Umbau und kurzem Soundcheck, die bereits nach sage und schreibe ca. 15 Minuten erledigt waren, ließen der Lawless Blackie und seine Mannen sich noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit, um das Publikum nicht nur akustisch zu beglücken. Mit kräftig aufgetragenem Lidschatten, ordentlich Schminke im Gesicht (zur Faltenkaschierung?), 80er-Jahre-Gedächtnis-Fönfrisur, weiß leuchtenden Flusenstiefeln und Bandshirt im Sportlook begab sich der gesetzlose Maestro erhabenen Schrittes und gut bei Stimme auf die Bretter. Letztere versagte nur ganz selten, in extrem hohen Tonlagen den Dienst, was wahrscheinlich dem Alter geschuldet sein dürfte. Nichtsdestotrotz Hut ab vor Blackies Gesangsleistung! Auch die übrigen Musiker lieferten einen guten Job ab und spielten tight bis zum Ende.

Abgesehen von dem sich hinter dem Schlagzeug befindenden Backdrop, welches das offizielle Motiv der „Re-Idolized“-Tour zeigte und der die Band rechts- und linksseitig flankierenden, ca. zwei Quadratmeter großen Leinwänden, gestaltete sich das Bühnenbild relativ einfach und unspektakulär. Auch die Lichteffekte hielten sich insbesondere am Anfang der Show sehr in Grenzen. Dem „Crimson Idol“ alle Ehre machend, herrschte zum Leidwesen der angereisten Fotografen über weite Strecken insbesondere das Rotlicht bei der Farbgebung vor. Auf den Leinwänden zeigten W.A.S.P. permanent begleitende Filmszenen, um die Musik visuell zu ergänzen und zu untermalen. An sich eine wirklich tolle, ansprechende Idee und gut gemacht. Da ich allerdings zu den nur begrenzt multitaskingfähigen Vertretern zähle, fand ich es schade, dass auf beiden Wänden gleichzeitig unterschiedliche Sequenzen abliefen und phasenweise parallel die Band spielte. Alles gleichzeitig im Auge zu behalten fiel mir mitunter ein wenig schwer. Aber vielleicht ging es nur mir so... Ist wahrscheinlich auch dem Alter geschuldet!

Die Resonanzen der Fans waren durchweg recht ordentlich, wobei allerdings, und da spreche ich auch für mich persönlich, die erhoffte, große Euphorie selbst bei Übersongs wie „Chainsaw Charlie“ oder „Doctor Rockter“ irgendwie ausblieb. So richtig schien der berühmte Funke zwischen Band und Publikum nicht überspringen zu wollen. Lag es eventuell daran, dass seitens Herrn Lawless im ersten Teil des Sets, also des „The Crimson Idol“-Parts, keinerlei Ansagen zu vernehmen waren? Oder daran, dass man die Hälfte des Gigs eigentlich nur den Rücken des Kultsängers zu sehen bekam? Man weiß es nicht. Mir jedenfalls fiel beides unangenehm auf. Soundtechnisch gab es hingegen nichts zu meckern. Klanglich zogen sich W.A.S.P. sogar so gut aus der Affäre, dass hin und wieder Unsicherheit aufkam, was live gespielt und was aus der Konserve kam. Meine Ohren meinen beispielweise Blackies Originalgesang wahrgenommen zu haben, obwohl zu dem Zeitpunkt alleine Leadgitarrist Doug Blair seine Backingvocals ins Mikro schmetterte. Seltsam, aber ich möchte nichts Bösartiges unterstellen.

Nach dem Hauptteil des Konzertes folgte zunächst einmal nicht viel. Um nicht zu sagen, gar nichts außer ein von Band abgespieltes W.A.S.P.-Medley, das alle Schaffensphasen der Band abdeckte und aus Fragmenten ihrer größten Hits zusammengeschustert war. Nach einer halben Ewigkeit, einige Fans verließen mit enttäuschter Mienen bereits die Halle in der Annahme, der Auftritt sei schon beendet, bequemten sich die Herren Musiker doch noch einmal auf die Bühne. Es folgten noch insgesamt vier Songs als Zugabe, bevor der Vorhang endgültig fiel, wobei der finale Rausschmeißer „I Wanna Be Somebody“ am besten ankam.  

Setliste W.A.S.P.

  • The Crimson Idol 
  • The Titanic Overture 
  • The Invisible Boy 
  • Arena Of Pleasure 
  • Chainsaw Charlie (Murders In The New Morgue) 
  • The Gypsy Meets The Boy 
  • Doctor Rockter 
  • I Am One 
  • The Idol 
  • Hold On To My Heart 
  • The Great Misconceptions Of Me 

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  • L.O.V.E. Machine 
  • Wild Child 
  • Golgotha 
  • I Wanna Be Somebody

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Der Auftritt von W.A.S.P. war definitiv gut. Aber eben nur „gut“. Im Vorfeld erwartet hätte ich, noch mindestens ein „sehr“ an entsprechender Stelle im Text platzieren zu können. Oder noch besser Wörtchen, wie „überragend“, „genial“, „„ohrgasmusfördernd“ etc. Vielleicht bekomme ich zum 50-jährigen Geburtstag von „The Crimson Idol“ ja noch die Gelegenheit...

Artikel: Brausi

Fotos: Anhur

Brausi
  • Autor: Brausi