Das „vergeigte“ Konzert oder Complimenting with Emilie

Der Abend beginnt wie ein ganz gewöhnlicher Konzertabend und daher mit der Fahrt zum Veranstaltungsort. Wir wollen uns zum zweiten Mal „Emilie Autumn“ anhören und -sehen. Das Sehen ist in Emilies Fall, wie Kenner wissen etwas ganz besonders, denn zu  Emilies „Victorianindustrial“  gehört eine entsprechende Kostümierung und eine einzigartige Bühnenshow. Noch ahnen wir nichts von dem Horror, den Emilie durchlebt, noch dass das Konzert mit einer Umarmung durch sie enden wird.

Startschwierigkeiten

Vor dem Roxy treffen wir einiges schwarzes Volk aus dem Saarland und der angrenzenden Pfalz. Da vor allem Anhur bekannt ist „wie ein bunter Hund“ verbringen wir die Zeit bis zum Einlass, welcher um ca. 50 Minuten verspätet erfolgt, mit angenehmer Unterhaltung.

Nachdem wir Drinnen die Bühne ausgiebig betrachtet und gemütlich etwas getrunken haben, stellen wir die Hypothese auf Emilie könne sich verfahren haben. Unsere Geduld wird auf eine noch härtere Probe gestellt und so bleibt es in den nächsten 90 Minuten bei weiteren Überlegungen und Gesprächen. Ich bewundere einige stilecht gekleidete Frauen.

Wir tauschen uns mit den Umstehenden über Emilie im Allgemeinen und ihr Konzert mit Sieben im April aus. Fototechnisch unbewaffnet, da als Schreiberling engagiert fachsimpele ich mit über Thema Fotografie und finde in Mimus einen großen ASP Fan.

Endlich erfolgt die Ankündigung, dass das Konzert in ca. 15 Minuten beginnen wird  …

[Folgendes nehme ich mit: dringend einmal mit Emilie chatten, die CD Zaubererbruder kaufen und irgendwann einmal ein „ASPigue“ besuchen.]

Stimmbruch und The Missing Violin

Begeistert begrüßen wir Emilie und Band und schon nach wenigen Minuten ist die lange Wartezeit vergessen und es herrscht allgemeine Begeisterung.

Nach furiosem Start mit „4 O´clock“, „Liar“; „Misery loves company“, “Thank god I am pretty”, „Shalott”,… ist bei den Passagen mit leisem Flüstern und aggressivem Schreien zu erkennen, dass Emilie ein stimmliches Problem hat. Darüber hinaus fehlt Emilies Markenzeichen, ihre einzigartige Geige. Nachdem die Stimme am Ende von – ich glaube es war „Mad Girl“ bricht, zieht sich Emilie in dem Bühnenhintergrund zurück um ihre Stimme zu schonen. Ich frage mich, ob sie das Konzert zu Ende bringen kann.

Comptessa und die anderen spielen ein Stück um die Pause zu überbrücken. „The missing violin“ handelte, durch die Realität inspiriert, von der verzweifelten Suche nach dem verlorenen Kleinod. Wie wir später erfahren hat Emilie tatsächlich ihre Geige „verloren“. Der Zoll hat die Einfuhr des Instruments verweigert und alle Bemühungen kurzfristig ein vergleichbares Instrument zu beschaffen sind gescheitert. Welch ein Horror- ich stelle mir vor, wie m,an sich als Künstler wohl fühlen muss unter diesen Bedingungen.

I love you

Emilie hat sich in der Tat nach einigen Minuten gut erholt, singt mit voller Stimme und wirft sich für die Kameras in Pose.  Euphorisch schreit sie,  typisch amerikanisch zwischen den Liedern ihre Liebe zu den Fans heraus, welche eher verhalten reagieren. Aber nicht zuletzt  durch solche Interaktion mit den Fans, wie auch kleine Wort-Geplänkel, eine Keksverkostung und geworfene Requisiten bleibt trotz der stimmlichen Einschränkung und „Violinentzug“ unsere gute Stimmung erhalten.

Ein geworfener Fächer, der quasi auf meinem Dekolte landet wird mir zu meinem Erstaunen in sekundenschnelle von einem neben mir stehenden Mädel weggerissen. Muss das Alter sein, dass ich nicht schnell genug reagiere.

Neben Emilies eigenen Songs darf das mittlerweile obligatorische „Girls just wanna have fun” natürlich nicht fehlen, das wir alle mitsingen und welches mit „Bohemian Rhapsody“ und „Gentleman aren't nice“  auf einer neuen EP erschienen ist. Toll, diesmal gibt es zwei Zugaben, in denen wir unter anderem zu Monty Pythons „Always look on the bride side of life“ enthusiastisch den Refrain mitsingen.

Was das Thema Textsicherheit angeht, müssen allerdings noch fleißig üben!!!

Resümee

Trotz  extremer Verspätung, technischen und stimmlichen Problemen hält Emilie nach kurzer Pause bis zum Ende des Konzerts durch. Da sie eine virtuose Geigerin ist, vermissen wir aufgrund eines offenbar übertrieben besorgten Zollbeamten schmerzlich das einbehaltene Instrument.

Dank Disziplin und Improvisation erleben wir unter den gegebenen Umständen, meiner Meinung nach, eine bemerkenswerte Leistung, was man Emilie sagen sollte. Nach dem Konzert hat die Band weiterhin ihre treuen Fans und andere, die sich wie Heck noch nicht sicher sind, was sie von dem Ganzen halten sollen.

Auch einige sehr kritische Stimmen sind zu hören, was aufgrund der Probleme nicht ausbleiben kann.

Signing

Wir wollen gerade gehen, als die Band erscheint und ich nach kurzer Abstimmung mit Anhur beschließe, statt im Chat, Emilie und die anderen vor Ort anzusprechen.

Ich stelle mich in die Schlange und schaffe es irgendwann vor Captain Magget (besser wäre Captain Nuts) deren pantomimische Fähigkeiten außergewöhnlich sind, zu stehen.Leider gelingt mir nicht ihr etwas Sinnvolleres als mehrfach ein langgezogenes „CRAZY“ zu entlocken. Letzteres kann ich inzwischen ziemlich gut imitieren und löse mit meiner Parodie regelmäßig Gelächter aus. Zumindest mitursächlich dafür und für ihren Seemannsgang wird wohl das Bier gewesen sein, welches sie ausgiebig im Laufe des Konzerts konsumiert hat.

Zu meiner Freude beantwortet Comptessa, welche zum ersten Mal in Deutschland ist, meine Fragen sehr offen und natürlich. Sie erzählt die Band habe das Chaos sehr professionell bewältigt. Ihre Eltern stammen aus Deutschland und sie mag das Land, freut sich hier zu sein.

Complimenting

Schließlich hänge ich eingekeilt halb vor/ halb auf dem Podest auf dem Emilie steht. Ein paar junge Frauen neben hoffen dass „die Frau da“ (ich) endlich fertig wird und weg geht. Dem Druck der Massen hinter mir weichend stehe ich plötzlich oben auf dem Podest und beobachte beeindruckt wie Emilie, direkt neben mir, nett und warmherzig mit ihren Fans spricht, wie sie geduldig Poster signiert, für Fotos post, die Hände ihrer Fans drückt …  

Endlich verabschieden sich die vorderen Fans und ich strecke Emilie von der Seite ihre Autogrammkarte entgegen: „Would you please …“.

Während sie schreibt erkläre ich ihr, dass ich es toll fand wie sie das Konzert unter den widrigen Umständen gemeistert hat, ….

Sie blickt auf und schaut mich erstaunt und interessiert an. Dann berichtet sie von ihrem Schock „at the customs“, dass sie „never missed a concert“ … und dann tun wir das was meine amerikanische Englischtrainerin „complimenting“ nennt.

Ich sage Emilie wie smart sie ist, sie mir wie nett ich bin … und es endet damit dass Emilie ruft, „come see me again“, ich „come again to Saarbrücken“ antworte und sie meine erst meine Handgelenke pack, mich zu sich und schließlich in ihre Arme zieht. Die Mädels hinter mir müssen mich jetzt unglaublich beneiden.

Und in der Tat in diesem Moment liebe ich sie …                                            ab

 

 

Galerie

Emilie Autumns Asylum Tour 08

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